Apartaderos – so kalt und unsympathisch wie die Schweiz :)

19 05 2012

Das erste was mir auffiel als ich in die höher gelegenen Dörfer kam, war, dass hier kaum noch Armenhütten zu sehen waren. Alle Menschen die hier oben wohnten, hatten ihr mehr oder weniger gutes und grosses Haus und fast jeder hatte an der Strassenfront irgend ein eigenes Business, sei es nun eine Posada (Hostel), ein Restaurant oder eine Papeterie… Es war irgendwie eine bildliche Erklärung dafür, warum zum Beispiel in der Schweiz kaum Leute auf der Strasse zu finden waren. Ich meine, generell gesprochen MUSS man in kalten Ländern arbeiten, damit man nicht stirbt: man muss Geld haben, um sich ein schützendes Dach über dem Kopf leisten zu können. Klar sind auch kalte Länder von Armut betroffen, aber ich denke, dass wegen dem Klima eine gewisse höhere Motivation zu harter Arbeit besteht – verständlich: wer möchte sich bei 40°C abrackern…

Auf jeden Fall traf ich in Apartaderos, das auf 3350m liegt, bald auch einen der negativeren Züge des kalten Klimas an: die Leute waren im Vergleich zum Rest Venezuelas echt unsympathisch, geldgierig und NICHThilfsbereit! Die Hotels und Posadas hatten horrende Preise, ich lief bis ans Ende des Dorfes, bis ich eine für 25Dollar fand! Klar, man muss das ganze Material den Berg hinauf transportieren, aber diese Preise waren definitiv zu viel verlangt. Das Essen war allerdings merkwürdigerweise billiger als überall sonst, wo ich bisher in Venezuela gewesen war… Und der Esswarenladen wurde von Kindern betrieben.

Ich legte mich nach einem selbstgemachten Sandwich bald ins Bett und fror mir den Hintern ab. Ich lag in voller Montur (2 Pullover, Hosen, Socken) unter 3 Wolldecken und klapperte immer noch mit den Zähnen. Ich schaute fern bis ich einschlief, am nächsten Morgen wollte ich eine Mini-Wanderung zu einigen Lagunen in der Sierra Nevada unternehmen. So nahm ich um 8Uhr morgens ein Taxi bis zur Laguna Mucuji (oder so ähnlich), von wo aus ich dann dem breiten Weg Richtung Laguna Negra folgte. Nach einer Stunde kam ich dort an, meine Knie machten mir mächtig zu schaffen. In meinem Venezuelaguide hatte es geheissen, die gesamte Wanderung (also hin und zurück) sei 45min lang. Aber ich wollte ja schliesslich nicht schlapp machen… So machte ich bei der Laguna Negra ein paar langweilige Fotos und suchte danach nach dem anderen Weg, der zurück führen sollte. Ich fand einen kleinen Pfad, der nach meinem Urteil in die richtige Richtung führte. Ich folgte ihm bis ins Flussbett hinuter, was eine rutschige Angelegenheit war (einmal wurde ich fast von einem Ast aufgespiest und das andere Mal als ich derb ausrutschte, schlug ich mir den Kopf an einem Stein an). Dort traf ich auf zwei Fischer, und fragte, ob ich einfach dem Fluss folgen könne, um nach Mucuji zu gelangen. Sie sagten irgendwas von „uuuh, weit“ aber ich war überzeugt, dass ich diesen Fluss von der Laguna Mucuji aus gesehen hatte. So stampfte ich mit meinen Schmerzen weiter (ich war übrigens inner 30min 500Höhenmeter hinutergekrakselt), hoffte, bald etwas wiederzuerkennen. Aber ich hatte kein Glück: der Weg verlor sich bald ganz, ich musste wieder einmal durch Sumpf waten und nach einer Stunde kam es mir doch sehr merkwürdig vor, dass ich noch immer nicht an der Ausgangslaguna angekommen war. So erklomm ich die Talwände, denn da oben musste irgendwo der Weg sein. Aber ich manövrierte mich immer tiefer in einen Wald und fand überhaupt keinen Weg mehr, nicht ein mal mehr Fussspuren oder Pferdeäpfel. Irgendwann stand ich plötzlich zwischen einer Mutterkuh und ihrem Kalb. Die Mutterkuh beobachtete mich gespannt und richtete ihren gehörnten Kopf auf mich, Sie kam auf mich zu. Ich bekam einen kleinen Panikanflug und lief so schnell ich konnte richtung Unterholz, weg vom Kalb. Die Kuh liess mich bald in Ruhe, aber mein Adrenalinspiegel blieb noch eine Weile oben. Dann begegnete ich plötlich einer Herde freier Pferde, keine Ahnung ob es in Venezuela noch wilde Pferde gab, auf jeden Fall beeilte ich mich auch da, möglichst schnell wegzukommen. Bald musste ich anfangen, über Baumstämme und unter ihnen hindurch zu klettern, manchmal Bäche überqueren. Ich hoffte immerzu, da vorne gleich einen Pfad zu finden, aber ich hatte mich ganz offensichtlich böse verirrt. Nach weiteren 2h hörte ich Strassengeräusche: Zivilisation! Ich eilte darauf zu, dachte, gleich hinter dem nächsten Baum müsse die Strasse sein. Aber zuerst musste ich noch einen Fluss überqueren und dann nochmal ca. 1h den Berg hinauf schleichen. Auch mein Hüftgelenk machte mir merklich zu schaffen. Für eine halbe Stunde oder sogar mehr, hielt ich den Daumen raus, damit ein Auto stoppte. Irgendwann hielt einer und nahm mich mit bis vor die Tür der Posada. Was mir wieder aufgefallen war: es war nicht etwa ein wohlhabender Mensch gewesen, der mich mitgenommen hatte, sondern bestimmt einer der ärmsten… Ich wollte nichts wie weiter, ich musste heute noch einen Bus erwischen, um bis nach Maracaibo zu gelangen.

Ich erwischte ein Collectivovan, der nur bis Timote fuhr, dort musste ich in einen anderen Collectivovan bis nach Valera. Auf dem Weg gab es allerdings einen Erdrutsch, was einen 1h-andauernden Stand-Stau verursachte. Hier in den Bergen gab es grundsätzlich wahnsinnig viele Erdrutsche: ich bewunderte die Leute, die den Mut hatten, hier oben zu leben, wo jederzeit eine riesen Erdmasse runterdonnern konnte. Die Strassen konvertierten ab und zu in Flüsse und im Van sass eine Frau, die meinte, sie könne singen: ihre Stimme schmerzte übel in meinen Ohren und sie traf keinen Ton… In Valera erfuhr ich, dass mittlerweile keine Busse mehr fuhren, also musste ich ein Collectivtaxi nehmen. Es war ein teurer und erschöpfender Tag…



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