Mein Guide empfahl San Agustín wegen dem archäologischen Park, der gleich 5 Minuten vom Dorf entfernt lag. Chris hatte mir den Ort empfohlen, weil es dort eine Frau gab, die ihr Resort verkaufen wollte – und er hatte es als äusserst grosses Potential und grossartig bezeichnet. So kam ich mit grossen Erwartungen und wieder einmal todmüde in diesem kleinen Ort an. Die 10 Minuten zu Fuss, die Hostelworld als Weg angab, waren schlussendlich über 20: es ging sehr steil einen unwegsamen Erdweg hinauf und dann noch mal etwa 10 Minuten einigermassen geradeaus. Als ich mich schon zu fragen begann, ob ich überhaupt den richtigen Weg eingeschlagen hatte, begegnete mir ein junger Mann, der sich als Besitzer des Resorts outete. Er war der Sohn der Frau, die das Resort errichtet hatte. Er führte mich zum Eingang und zeigte mir auf seine sympatische Weise alles, danach verschwand er und seine Mutter lud mich zum Mittagessen mit ein. Bei ihr sassen auch noch zwei Männer: einer davon dicklich, der andere mager und langhaarig. Wie sich herausstellte, waren alle diese Leute am Tisch etwas verrückt. Bestimmt nicht auf eine schlechte Art, aber doch verrückt genug, um mich etwas unbehaglich zu fühlen. Der magere zum Beispiel meinte, er sei selbst eine Katze und seine drei Katzen seien wohl besser als jede Frau (mit letzterem würde ich vielleicht übereinstimmen…). Die Besitzerin des Resorts führte ein hoch umweltfreundliches Leben und kochte wunderbar vegetarisch (das tönt ja alles ganz nett, aber trotzdem hatte sie bestimmt irgendwo ein paaaaar Schrauben locker…). Wie ich erst später herausfand war ihr Mann eines Tages verschwunden (es war offensichtlich, dass er von Guerillas gekidnappt oder getötet worden war (ein Schweizer) und einer ihrer Söhne hatte sich zu stark in die Politik hineingesteigert und wurde ebenfalls von den Guerillas getötet. So ein Schicksal ist nicht vorstellbar wenn man nicht selbst ähnliches erlebt hat… Auf jeden Fall nahm ich nach dem Essen eine „lauwarme“ (=kühle) Dusche hinter den Bambusstöckchen, danach ging ich ins Dorf, um Essbares einzukaufen und auf dem Rückweg begegnete mir der nächste Verrückte: ein Security bot mir an, mich auf seinem Moto mitzunehmen. Er meinte, mein Hotal liege auf seinem Weg, bevor er überhaupt wusste, wo ich einquartiert war. Schliesslich fuhr er mich hin (ich war müde und dankbar um dieses Angebot), meinte, wir sollte gemeinsam tanzen gehen und gab mir seine Handynummer. Zudem bot er mir an, mir als Guide die Mayaskulpturen zu zeigen. Ich bedankte mich und ging schlafen.
Am nächsten Tag hatte ich eigentlich eine Jeeptour geplant, diese fand aber mangels Touristen nicht statt, also buchte ich kurzfristig einen Ritt. Ich hätte den Ritt günstiger bekommen können, aber die Besitzerin des Resorts legte mir ans Herz, einen teureren Guide zu nehmen, der seinen Pferden besser Acht gab. Tatsächlich waren mein und sein Pferd top: gute Hufe, stark, fit, gut ernährt. Wir begegneten anderen kleinen Gruppen mit Pferden, wobei deren Pferde allesamt vollkommen abgemagert waren! Ich war heilfroh, hatte ich die 10Franken mehr investiert! Aber ein kleiner Einwurf: es machte mich wütend, diese abgemagerten Tiere zu sehen und keiner hat ein Recht, ein Tier gefangen zu halten, wenn er es nicht entsprechend versorgen kann. Aber einer dieser kaltherzigen Guides begegnete mir auf dem Weg und fing an, auf seiner Flöte zu spielen: es schien mir, als würde die Welt in einen Zauber fallen. Er spielte irgendwelchen urtümlichen Lieder, die sagenhaft zu den Mayaskulpturen und zum Landschaftsbild (tiefe Täler mit Flüssen durchzogen, Ackerlandschaft an steilen Berghängen). Ich dachte bei mir: jeder hat immer gute und schlechte Seiten, diesem Mann war wohl kein Tierherz geschenkt, allerdings ein Talent, die Welt mit seinem Flötenspiel zu verzaubern…
Am Ende des Rittes stieg ich beim archäologischen Park ab, indem man etwa innert 3 Stunden ein Museum und 4 Maya-Orte besuchen konnte. Wenn es jemanden interessiert, kann er im Wikipedia mehr darüber lesen. Mich langweilte der Park in höchstem Masse, gewiss auch daher, dass ich nicht genug Hintergrundwissen besass. Ich rannte praktisch durch den Park, schoss an jeder Ecke Fotos und floh dann wieder durch das Eingangstor. Dort traf ich tatsächlich auf den Security, der mich letzten Abend auf seinem Moto mitgenommen hatte. Wieder bot er mir einen „ride“ an, und ich nahm an. Schliesslich wollte ich sparen. Auf dem Moto meinte er dann, das Schicksal hätte uns zusammengeführt, sogar schon zum zweiten Mal, etc. Ich betete innerlich, dass die Fahrt schnell vorüberging. Aber ein Typ der bei einem Quad stand, winkte ihm zu, und das führte zu einem Stopp in einer sehr bevölkerten Bar. Ich wollte nichts wie weg. Ca.70% der Gäste bestand aus alten sabbernden Männern, 25% aus mitteljungen sabbernden Männern und da war noch EINE Frau, die mit ihren riesen fast entblösten Brüsten durch die Bar „tanzte“ und ihre Brüste gegen jeden Willigen drückte. Sie war stockbetrunken, und das mit Bier. Als sie mir also hallo sagte, warf mich ihr Mundgeruch schier vom Hocker. Desweiteren wurde ich als Freundin des Security’s vorgestellt, was mir auch nicht besonders gefiel. Aber nun denn, nach etwa 15 Minuten wurde dem Security mein Unbehangen wohl doch endlich bewusst und er fuhr mich bis auf den Hügel. Ich dankte und sagte auf Nimmerwiedersehen. Ich befand San Agustín als eine Ansammlung verrückter Menschen. Das Resort an sich war superschön, es bestand fast nur aus Bambusholz und wurde wirklich SEHR ökologisch gemanaged, überall sprossen wunderbare Blumen und Zierpflanzen, das Abwaschwasser (ohne Seife) wurde gesammelt um die tausend Pflanzen zu giessen. Es wäre bestimmt DAS Paradies schlechthin für jeden Gärtner. Aber für meinen Hostelgeschmack: etwas zu verrückt, zu abgelegen (nur zu Fuss erreichbar, keine ÖV) und zu still (kaum Kundschaft). Trotzdem ein schönes Erlebnis.
Wieder ein Nachtbus, diesmal nach Ipiales, das Grenzdorf zu Ecuador.
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