Portobelo

30 06 2012

Von Puerto Lindo aus, dem Hafen wo wir mit dem Catamaran eingetroffen waren, fuhr uns unser Captain noch bis nach Portobelo. Dort wollte ich noch eine Nacht bleiben, um das Grundstück von Dominique anzuschauen, welches dort in der Nähe lag. Ich schaffte es zwar, diese Besichtigung auf die Kürze zu arrangieren, da Dominique mit seinem Freund in Portobelo telefonieren konnte. Allerdings regnete es am nächsten Morgen in solchem Masse, dass ich mich entschied, die Rutschpartie auszulassen, und musste so absagen. Der Schweizer vom Catamaran (Lino) blieb ebenfalls, und so fanden wir eine günstige Unterkunft und kochten dort gemütlich Tunfischsauce mit Spaghetti. Es war ein gemütlicher Ort und eine gemütliche Begleitung. Wir wanderten noch im Dorf umher und betrachteten die Ruinen der Festungen am Meer und den Affen, der angekettet mitten im Dorf vor sich hinlebte. Meine Kamera hatte wieder einmal ein so beschlagenes Visir (oder wie auch immer das heisst), dass ich nur noch sehr neblige Fotos aufnehmen konnte. Beim Eindunkeln setzten sich Lino und ich auf den schmalen Balkon, unterhielten uns und lauschten dem strömenden Regen. Wir erzählten uns aus unseren Leben, philosophierten über unsere Zukünfte und redeten über schweizerische Eigenheiten und gutes Essen. Am nächsten Morgen wachte ich komplett unausgeschlafen auf, hörte immer noch den Regen, zog mir mein Bikini an und setzte mich draussen auf die Strasse. Wenn ein Auto vorbeikam sprang ich auf und huschte hinter das Haus. Der Regen hatte mich auf dem Meer geholt und liess mich nicht mehr los. Er schien mich immer zu rufen. Es ist wunderschön, sich einfach in den Regen zu stellen. Man fühlt siche wie selten mit der Natur verbunden. Und zwar nicht nur im mentalen Sinne, sondern im physischen. Ich denke, das ist eine „Übung“, die jeder so viel wie möglich in seinem Leben unternehmen sollte. Es fühlt sich so richtig und wundervoll an, so bereinigend 🙂

Nun denn, da ich ja nicht mehr zum Grundstück von Dominique ging, fuhren Lino und ich schon um die Mittagszeit mit einem Bus nach Colón. Im Bus freundete sich der gesprächige Lino mit allen Schülern an, während ich eher den schweigenden, beobachtenden Part übernahm. Ein wunderschönes schwarzes Mädchen sass vor mir und liess freudige Musik aus kleinen Boxen laufen. In Colón angekommen liessen wir unser Grossgepäck kurz bei einem Wachhäuschen bei der Zugstation und gingen was essen. Für einen Dollar etwas ass ich Reis mit Linsen und Poulet. Wie lecker und günstig! Danach nahmen ich und Lino den touristisch hochvermarkteten Zug nach Panama City. Es war eine Fahrt, die sich auf keine Weise lohnte. Lino regte sich gehörig über die mitfahrenden Touristen (eine kleischende Gruppe von deutschen Frauen und eine riesen Gruppe stinkreicher Ami-Rentnern) auf, während ich vom Panama-Kanal hoch enttäuscht wurde. Ich hatte etwas Spektakulares erwartet, da ich immer so ein sagenumwobenes Bild von ihm vor Augen gehabt hatte. Aber es war ein stinknormaler Fluss, künstlich oder auch nicht, auf jeden Fall höchst uninteressant. Ich hätte vermutlich mehr davon gehabt, Wikipedia zu lesen. Für die Fahrt bezahlten wir je 25US-Dollars, der Zug war ausser dem Touristenwagon – wie wir nach dem Aussteigen bemerkten – komplett leer gefahren. Eine Stunde Fahrzeit. So erklärten wir uns dann auch den horrenden Preis und fanden es unerhört, dass sie die anderen Wagons nicht abgehängt hatten… Umweltverschmutzung für nichts und wieder nichts. Am Endbahnhoft erfuhren wir, dass es keinen Bus von dort gab und wir ein Taxi nehmen mussten, um in die Stadt Panama zu gelangen. Wir hatten aber Glück und ein Car stoppte und nahm uns für 20Cents mit zum grossen Terminal. Von dort aus trennten wir uns auf. Lino nahm direkt einen Bus nach Costa Rica, während ich einen Bus ins Stadtzentrum nahm, um dort ein Hostel zu suchen.



Mit dem Katamaran auf San Blas

16 06 2012

Da ich keinen langweiligen Text schreiben möchte (Aufzählung von Malzeiten, und dann, und dann, und dann), werde ich hier bloss Fotos präsentieren und kurze beschreibende Worte hinzufügen. Viel Spass beim eifersüchtig-sein 😀

Cartagena Skyline

 

Lino Skyline 😛

Sonnenuntergang mit Panorama-Meer-Horizont

Bevor wir die Reise angetreten hatten, war mir kurz vor borden noch RICHTIG übel geworden, sodass ich einen heftigen Schweissausbruch und Durchfall bekam… Wie auch immer, auf dem Schiff mussten wir mit dem Wasser sparsam umgehen und so freute ich mich über eine entschweissende Naturdusche nach gruusigen zwei Tagen 😀 Ich rannte in den peitschenden Regen wie ein Kind, kicherte und schrie herum, jubelte und hüpfte so gut es ging auf dem wackligen Katamaran herum. Dann juckte ich wieder zurück in die Kabine, holte mein Shampoo und machte mich an die Arbeit 😉

Shampoo bereit!

"wooow ist das nass und toll!"

Captain Jack Lino?

Wasser von oben, Wasser von unten...

Wolkige San Blas Begrüssung

Kuna Yala MIT Hund! ^^

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Neon-Fischli!!!

Meerlandschaft

Da wir nur zwei Gäste auf dem Boot waren, hatten wir das Kanu ganz für uns alleine. So durften wir den ganzen Tag mit dem Kanu durch die San Blas Inseln reisen, ganz allein auf dem grossen Meer. Ein Stück schwadderte ich hinter dem Kanu her und machte diese Fotos.

Kanuboden und Meerlandschaft

Jump on San Blas

Auf einer Insel parkten wir unser Kanu und schwadderten gemeinsam los. Es war abenteuerlich – ich denke um so mehr, weil wir beide Meer-lose Schweizer waren und uns das Meer beängstigte und zugleich imponierte…

JA ich war FAST-nacktschwimmen 😀

Begegnung mit Unikum

Lino unter Wasser

Leuchtblau- und Streifenfisch = meine Fachkenntnisse ;-P

Tatsächlich bekamen wir einen Hai zu sehen! Zu diesem Zeitpunkt waren wir uns da aber noch nicht so sicher, weshalb wir noch zu ihm HINSCHWAMMEN um gute Fotos von dem „grossen Fisch“ zu machen… WOW ^^

Hai-Baby!

Beweisfoto: Lino mit Hai-Baby

nochmal Hai-Baby

Languste = baldiges Nachtessen 🙁

 

Schwester des Captain mit Kuna Yala Verkäuferin

Die Kuna Yala die auf unseren Katamaran kamen, um ihre Kunstwerke zu verkaufen fand ich überraschenderweise ziemlich unsymphatisch! Sie verlangten horrende Preise und liessen sich von unserem Captain bedienen wie Könige. Am Ende nahmen sie noch Früchte aus dem Früchtekorb mit… Mir erschienen sie geiziger als jede andere Kultur, die ich bisher kennengelernt hatte. Aber nun denn, es war nur ein sehr kurzer Eindruck den ich bekam.

...inspiriert von Feli 😉

Yasmina (Papier von Wasser zerstört)

"Arbeitsplatz" im Katamaran 😛

Seestern

Model Matrose Luis 🙂

Linoblick 😀

Languste-Znacht 🙁 würg

Ich probierte die Languste, am Anfang überzeugt, sie müsse herrlich schmecken, denn ALLE schwärmen immer so vom Langustenfleisch. Aber ich fands nicht gerade toll, würgte ein kleines Stück herunter und schaufelte den Rest auf Lino’s Teller.

Luis mit meinem Billigwein ^^

San Blas Hauptinsel mit Migration 😀

Katamaran Santana Mast

Meine San Blas Erfahrung hätte meiner Ansicht nach nicht besser sein können! Ich hatte Delphine zu Gesicht bekommen, wieder einmal schnorchelnd einem Hai begegnet. Wir hatten ein Luxusschiff mit Luxusküche zu einem super Preis erwischt. Ich wurde zwar ein wenig seekrank aber die Inseln machten das mit Nichten wieder gut! Ich fühlte mich auf dem Meer sprituell erleuchtet – oder sowas in der Art, genoss, nicht auf einem überlaufenen Ami-Partyboot zu sein sondern Stille und weites wildes tiefes Meerwasser um mich zu haben. Mit Lino hatte ich so tiefgründigen Spass wie ich es wohl kaum mit einem anderen Menschen hätte haben können. Diese Katamaranreise wird in meinem Gedächtnis lauter zauberhafte, fröhliche und übermutige Momente ausmalen. Besser hätte es nicht sein können!



Back in Cartagena

15 06 2012

In Cartagena schnitt ich dem Engländer – dessen Namen mir mittlerweilen wieder eingefallen ist: Rob – die Haare. Er hatte schwieriges Haar, aber ich siegte über den Wucher und wieder eine gute Frisur winkte aus dem Spiegel. Er lud mich dafür auf einen teuren Maracuja-Saft ein und erliess mir meinen Schuldenbetrag von 4CHF, das war doch schon mal ein Anfang, nicht? 😉 Die meiste Zeit verbrachte ich mit Schiffsuche und gleich am ersten Tag dieser Aktivität, lernte ich einen Franzosen kennen, eine weitere interessante Geschichte. Ich lud ihn ein, mit uns essen zu kommen, denn wie wir erfuhren schlief er auf der Strasse und hatte somit keine Küche zur Verfügung. Er reiste hitchhikend durch die Gegend, schon einige Länder in Südamerika hatte er nun so bereist. Er lebte die absolute Höchstform von Sparreisen aus, suchte ewig nach den günstigsten Hostels, reiste fast nur per Autostopp, schlief ab und an auch unter Brücken, ass nur das Allernötigste. Ich bewunderte ihn für seinen starken Willen, denn den brauchte man definitiv in grossem Masse, wenn man das durchziehen wollte. Um nun von Columbien auf Panama zu kommen, suchte er nicht etwa ein günstiges Boot wie ich, sondern Arbeit auf einem Boot! Keine schlechte Idee, aber nur für die Suche plante er schon 3 Wochen ein… Ein Opfer, das ich vermutlich nur sehr ungerne bringen würde. Beim Abendessen hatten wir dann auch eine äusserst hitzige Diskussion, wobei es ums Thema Angst ging. Wir hatten zwei sehr verschiedene Ansichten, später kam es auch zu Missverständnissen, als wir uns immer tiefer in Details verstrickten. Am Ende philosophierten wir noch lautstark über Gefahr und kamen schlussendlich damit überein, dass wir einfach nicht übereinkommen würden 🙂 Aber es war ein schöner und spannender und intellektvoller Abend. Da der Franzose sogar schon als Koch – nebst tausend anderen Sachen – gearbeitet hatte, half er mir tüchtig in der Küche; ehrlichgesagt machte er praktisch die ganze Arbeit und ich zauberte bloss die Salatsauce und öffnete eine Dose Tunfisch. Das stand ganz im Gegensatz zu Rob – dem Engländer – der sich als typischer „Mann“ herausstellte, ein verwöhntes Mamasöhnchen, das aus Gewohnheit keinen Finger von selbst rührt. Da ich von dieser Sache ja schon genug mit Fabricio bekommen hatte, machte mich das sehr schnell gereizt und ich giftelte wie ein kleiner Zwerg herum. Aber was soll’s, insgesamt hatte ich auch mit Rob eine gute Zeit. Wir gingen zum Beispiel zusammen an den Strand, wo er von schwarzen Verkäufern mächtig veräppelt wurde: Sie gaben ihm Krabbe zum probieren, und boten ihm immer mehr zum probieren an, bis sie am Ende plötzlich 5CHF forderten. Zudem konnte ich endlich jemanden (ihn) fragen, was denn mit meinem Knie los sei, denn es war ja immer noch geschwollen und tat ab und zu weh. Er hatte sowas wie Sportmedizin studiert und diagnostizierte nach Betasten: ausgelaufene Gelenkflüssigkeit könne es sein.Viel mehr gibt es zu Cartagena nicht zu sagen, ich fand doch ziemlich schnell ein Schiff. Genauer: ein riesen Katamaran mit deutschem Captain und columbianischem Matrose. Dazu war noch seine Schwester (auf Besuch aus Deutschland) mit an Bord und in letzter Sekunde kam noch ein Schweizer hinzu (Lino). Der luxuriöse Katamaran bot allerdings für ganze 16 Gäste Platz, und wir waren gerade mal drei… Also genau das, was ich brauchte – etwas Ruhe, ungestörte Natur (Meer ohne Partygebrüll).



Medellín, Ice und Billiard

13 06 2012

Mitten in der Nacht wurden wir aufgeweckt und mussten den Bus wechseln, um dann die letzten paar Stunden eng aneinander gequätscht weiter zu „schlafen“. Am Terminal von Medellín angekommen lernte ich durch Eigeninitiative zwei Argentinierinnen kennen, die ich später als doch sehr unsympathisch abstempelte. Mit ihnen nahm ich ein Taxi in die City, wobei sie mir zu wenig Geld fürs Taxi in die Hand drückten und ich so naiv war, es nicht zu kontrollieren. Das Hostel öffnete dann für längere Zeit nicht, weil der Nachtportier auf einem Sofa eingenickt war. Aber am Ende durfte ich eintreten und sogar in einer Hängematte schlafen, bis ich das Checkin machen konnte. Als ich auf die Terrasse mit den Hängematten hinaustrat, begrüsste mich in aller Stärke ein Grasgeruch… Das haute mich fast um und ich vermerkte in meinem Kopf, dass der erste Eindruck des Hostels Party und Drogen hiess… Der zweite Vermerk war nicht besser: einer der auch in einer Hängematte geschlafen hatte (allerdings offensichtlich unbeabsichtigt) wachte auf und fing an zu husten was das Zeug hält! Er erbrach sie fast vor lauter Husten und das Beste war, dass als er in sein Zimmer stürmte, ihn dort eine weitere hustende Person begrüsste, die dann sogar aufs Klo rannte, um zu erbrechen! Am Ende machte ich aber doch noch eine gute Hängemattenbekanntschaft: ein Argentinier (wenn ich mich recht erinnere 35), hatte Psychologie studiert, in psychiatrischen Anstalten für Verbrecher gearbeitet, bis es ihm ausgehängt hat und er nach Brasilien auswanderte. Dort hatte er 2 Jahre als Fischer gearbeitet, bis er genug Geld zusammen gehabt hatte, um eine Monatsmiete für ein Hostel zu bezahlen. Der erste Monat brachte ihm so viel Geld ein, dass er das Hostel für weitere 5 Jahre führte. Er wurde einigermassen reich, kaufte sich Land und Haus und Wohnung in Argentinien und überlegte nun, wieder weiter zu reisen und das Hostel dem Eigentümer zu überlassen. Eine spannende Geschichte. Wir hatten intensive Gespräche, auch über Themen wie die heutige Gesellschaft und wie oft Psychologen in den Einsatz kommen… Und natürlich fragte ich auch ihn über die Probleme aus, die bei der Arbeit im Hostel auftauchten.

Nach dem Checkin kochte ich mir zuerst mal eine Suppe, bevor ich dann erschöpft ein paar Stunden vor mich hin döste. Danach lernte ich eine Columbianerin kennen, die ebenfalls eine spannende Geschichte bot, wenn auch ein bisschen naiv: Sie war 19, genau wie ich, und reiste schon seit 2 Jahren in Columbien herum, mit längeren Unterbrüchen, bei denen sie ihre Familie besuchte. Sie suchte überall in Columbien Arbeit und finanzierte so ihre Reise. Und mit Volunteering bekam sie die Unterkunft frei. Ihr Traum war folgender: sie wollte nach Indien und dort eine selbstragende Hilforganisation für arbeitende Frauen mit deren Kindern zu machen. Sie hatte seit einigen wenigen Monaten einen Schwedischen Freund, den sie allerdings kaum sah, und dessen Freunde angeblich ihr Projekt finanziell unterstützen wollte. Sie sprach kein Wort Englisch, hatte keinen Cent für den Flug und schien sich auch sonst noch nie tiefer mit dem Thema Hilfsorganisation beschäftigt zu haben. Aber trotzdem eine sehr liebe und nicht dumme Persönlichkeit. Sie hiess übrigens Leidy. Dazu lernte ich noch zwei Freunde kennen: Ice (ein – wie ich erst viel später begriff – Holländer) und ein Engländer, dessen Namen mir im Moment nicht einfällt. Mit dem Engländer reiste ich dann später auch noch weiter. Auf jeden Fall waren auch diese beiden ein bisschen speziell und hatten Geschichten: Ice (dessen Name ja schon eine Geschichte wert ist), hatte Krankenschwester gelernt, hatte dann aber in einer Irrenanstalt eine Stelle gefunden. Er meinte, dass er seither beim Reisen doch etwas mehr Respekt habe, da diese Leute, die er getroffen hatten, nicht töteten, weil sie böse waren, sondern schlicht und einfach, weil sie unter irgendwelchen Drogen standen. Der Engländer erzählte uns leise, dass sein Vater gerade vor seiner Abreise gestorben war. Und dass er trotzdem losgezogen sei, weil er seinen Alkoholiker-Vater eigentlich kaum kenne. Spannend, spannend…

Der Engländer und Ice unterrichteten mich am Abend noch am Billiardtisch, wobei ich die meiste Zeit eine absolute Witzfigur darstellte, aber Spass hat’s trotzdem gemacht. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, würde ich gerne weiterlernen 🙂 Am nächsten Tag wollten Ice, der Engländer und ich noch einen Wasserpark aufsuchen. Wir waren schon fast dort, als wir herausfanden, dass er jeweils Montags geschlossen war. So kehrten wir nach langem Überlegen und grosser Enttäuschung seitens des Engländers wieder um und verbrachten den Rest des Tages langweilig im Hostel. Ich und der Engländer nahmen in der selben Nacht noch den Bus nach Cartagena. Die Fahrt war komplett überteuert und der Bus kühlte auf ca. 15 eisige Grad herunter. Wir konnten beide kaum schlafen und schlotterten uns den A*** ab.



Back in Colombia

13 06 2012

Ich verliess Ecuador mit dem Gefühl, ein Heim zu verlassen – aber mit der Sicherheit, dass ich eines Tages zurückkehren würde 🙂

Die Busfahrt war lange und erst in Cali entschied ich mich, dass ich direkt weiter bis nach Salento fahren würde. An der Grenze von Ecuador hatte ich einen Columbianer kennen gelernt und der ging ebenfalls direkt bis nach Armenia (selbe Richtung). Und so wartete er ständig auf mich – ich die mit meinem riesen Gepäckbündel ewig lang rumhantierte. Und als wir am Morgen in Cali ankamen, wollte ich natürlich umbedingt noch frühstücken, bevor wir weiter nach Armeni fuhren. So setzte er sich zu mir, und schaute mir beim Essen zu 😀 Im kleinen Bus setzte ich mich dann nach vorne, damit ich bei wachem Zustand die Gegend beglubschen konnte. Die erste Stunde war ich wach und bewunderte die Umgebung von Cali. Wir fuhren Richtung Zona Cafetera und die Landschaft war herrlich: ewige Weiten von grünem Gras und Schilf, ab und zu Ansammlungen von niedrigen Baumkronen und am Horizont tronten Bergketten. Wie wichtig mir doch Landschaften sind. Wie wichtig die Sonne, das Klima… Auf jeden Fall schlief ich dann doch bald ein, die Brise Haar streichelte mich in den Schlaf. Als ich wieder aufwachte tippte mir der Junge auf die Schulter und schenkte mir ein glibbriges Essen: Gelatine, Gummibärli, wie auch immer. Er erklärte, dass sie hier in den Dörfern selbst Gelatine herstellten. Und so sah das aus: aussenrum lächelte einem eine feine Schicht Puderzucker an, aber wenn man rein biss entdeckte man die gummig-schlabbrige Masse, die wie ein ungebackener bräunlicher Teig aussah. Ich erklärte, dass es mir zu süss sei und dass er doch den Rest nehmen sollte, danach würgte ich mein Stückchen herunter und versuchte mich ab und zu wieder an einem Lächeln…^^

In Armenia verabschiedeten wir uns, ich nahm einen kleinen Bus nach Salento. Dort angekommen setzte ich mich gleich als erstes ins Internetcafe, denn ich hatte ganz vergessen, mir ein Hostel herauszusuchen. Aber diesmal versagte Hostelworld gründlich. Und so ging ich entmutigt aus dem Internetcafe, nachdem ich dem Besitzer das WC gründlich verstunken hatte. Aber ich fand gleich zwei Blocks von der Plaza entfernt ein sehr sympathisches Hostel: Tralala. Salento hatte ich mir als einen superüberfüllten Touristenort vorgestellt, allerdings erschien es mir zu Anfang doch eher sehr ruhig und leer. Im Hostel zog ich mich dann am ersten Tag auch völlig zurück, tat so, als könnte ich nur Spanisch sprechen, damit mich jah keine Touristen ansprachen. Am nächsten Tag lernte ich dann aber eine Deutsch und drei Kanadier kennen, mit denen ich dann mehr oder weniger meine restlichen Tage in Salento verbrachte. Mit der Deutschen verstand ich mich äusserst gut, auch wenn ab und an das in meiner Sicht „typisch deutsche“ hervorkam, Züge, die ich grob gesagt verabscheue. Aber das war absolut oke, denn insgesamt war sie eine tolle Person. Naïma – so hiess sie – fragte mich irgendwann, ob ich zufällig Haare schneiden könne. Natürlich, war so ungefähr meine Antwort. Sie fand mich anscheinden absolut vertrauenswürdig und liess mich bald an die Arbeit gehen. Stolz entliess ich sie nach meinem ersten LANGhaar-Schnitt vor den Spiegel. Es hatte sich einiges schwieriger herausgestellt, als erwartet, und langsam verstand ich, warum so viele Coiffeurs „schludderten“; es brauchte ziemlich viel Geduld, lange Haare gleichmässig zu schneiden. Dazu musste man noch x-mal korrigieren, damit sie entweder auf beiden Seiten gleich lang waren, nach oben hin stimmten, nach vorne schön aussahen und bei trockenem Zustand schön fielen… Als sie vom Spiegel zurückkam meinte sie: also so gut hätte sie das überhaupt nicht verlangt! Da kam die Idee auf (bei einem späteren gemeinsamen Gespräch über Geld), dass ich auf meiner zukünftigen Reise Haareschneiden „verkaufen“ könnte, um mein Budget zu retten… Das Witzige an ihr war, dass sie am Schluss noch ihre „langen Fransen“ selbst schneiden wollte und den Haarschnitt total verhunzte! Sie schrie auf einmal aus der Toilette heraus und kam rausgerannt: „Ich hab viel zu kurz abgeschnitten, ich hab gar nicht nachgedacht und einfach reingeschnitten!“ Sie regte sich noch einige Minuten über sich selbst auf und meinte, sie hätte es mich tun lassen sollen, aber bald schon fand sie sich auf eine coole Weise damit ab 🙂 Ab da kochten wir immer zusammen und hockten oft für lange Frauengespräche zusammen in die Hängematten.

Die Kanadier waren insgesamt weniger spannend, kamen mir nicht besonders schlau im Köpfchen vor, nur der einte weckte mein Interesse: er war ursprünglich Chinese, sprach auch Chinesisch, war aber in Kanada aufgewachsen. Er war relativ gross und ziemlich muskelbepackt. Er beschränkte sein Essen auf eine Diät möglichst ohne Kohlenhydrate und hyperviel Gemüse. Den Fettmangel ersetzte er durch Nüsse und den Zucker durch Früchte. Ich fand das eine ziemlich gute Idee und beschloss, mich bei der nächsten Langeweile-Gelegenheit genauer über Ernährungspyramiden, Vitamine und Mineralstoffe zu informieren. Tatsächlich tat ich das dann auch schon vor meiner nächsten langen Busfahrt.

Unternehmungen die ich von Salento aus unternahm: ich machte eine „Coffeetour“, das heisst ich wanderte mit Naïma und den drei Kanadier einenhalb Stunden zu einer abgelegenen ökologisch-betriebenen Kaffeefarm um dort für 2.50CHF eine Tour durch die Farm zu bekommen. Es war für mich ein absolutes Neugebiet, ich hatte ja keine Ahnung von Kaffee, weder von der Herstellung noch vom Trinken 😉 Ich lernte, dass Kaffee ein sehr spezifisches Klima benötigte, um prächtig gedeihen zu können, hinzu kam noch, dass er viel Schatten brauchte. Ich spielte Übersetzerin: Es gibt zwei Sorten die sie hier anpflanzen, aber am Ende mischt er die getrockneten Kaffeebohnen und verarbeitet sie gemeinsam. Eine Kaffeepflanze hat ca. acht Lebensjahre und erst nach 2 Jahren kann man das erste mal ernten. Danach soll sie alle 2 Jahre gestuzt werden, damit sie wieder Kaffeebohnen produziert. Nach acht Jahren muss man die Pflanze komplett ausrupfen und eine neue anpflanzen. (Ich hoffe ich nenne hier die richtigen Zahlen…) Wenn die Bohnen reif sind, sehen sie rot, bzw. gelb aus und sie müssen dann alle einzeln von Hand gepflückt werden. Danach werden sie durch eine Art Mühlmaschine gelassen, damit das Fruchtfleisch entfernt wird. Und schliesslich werden die Bohnen für ca. zwei Wochen zum Trocknen in die Sonne gelegt. Danach muss man sie nochmals schälen (es gibt eine härtere Schale um die Bohne herum), und dann gewaschen und wieder getrocknet, etc. Dieser Waschprozess muss 3 Mal wiederholt werden und erst dann kann man die Bohnen unter konstantem Umrühren rösten, ca. 1 Stunde lang. Am Ende werden die geröstete Bohnen dann noch gemahlen, und Fertig ist Kaffeepulver. Auf dieser Farm lief alles höchst ökologisch ab und er verkaufte seinen Kaffee ausschliesslich an Touristen. Ich war hoch erstaunt, dass er davon genug Profit machte… Aber noch zurück zum benötigten Schatten: Den Schatten stellte er durch Bananenbäume bereit, die überall zwischen den Kaffeeplantagen gepflanzt waren. So ein Bananenbaum hielt nur ein Jahr, bzw. gab nur ein einziges Mal Bananen, danach musste er gefällt werden und ein neuer Bananenbaum gepflanzt. Den abgeholzten Bananenbaum zerhackte er und liess ihn liegen, als „Dünger“ für die Erde. Die Bananen verkaufte er. Ich fand es ungeheuerlich, wie viel Arbeit im Kaffee steckte, und als ich fragte, wie viel er denn für ein Kilo Kaffee bekam, fiel mir glatt die Kinnlade herunter. Diese Kaffeefamilie arbeitete praktisch gratis! Danach spornte ich alle an, umbedingt ein Pack Kaffee von ihm zu kaufen, denn das sei eine einmalige Gelegenheit und natürlich wäre es auch ein super Geschenk…

Am Tag meiner nächtlichen Abreise, machte ich noch einen kurzen Ausflug ins Valle de Cocora, das mir alle als Mustsee empfohlen hatten. Ich hatte zwar überhaupt keine Lust, und meine Knie waren immer  noch etwas geschwollen und sehr anfällig auf Schmerzen, aber ich überwand mich schliesslich zu einer kleinen zweistündigen Wanderung. Ich lernte noch einen sympathischen Amerikaner kennen (er war 29 und frisch verheiratet). Wir hatten sehr interessante Gespräche, sowohl er als auch seine Frau arbeiteten für NGO’s und er besuchte in Columbien gerade seine Schwester, die gerade eine Yoga-Farm nähe Pereira aufbaute. Aber als er mich dann bei einem Wasserfall fragte, ob ich Lust hätte, mit ihm eine ruhigere Stelle aufzusuchen, um nackt zu baden, dankte ich ab und verabschiedete mich. Ich wanderte das erklommene Stück schnellsten zurück, begegnete tausend Columbianern, die mich alle nach irgendeinem Haus fragten, bis es mir am Schluss den Nuggi verjagte und ich erzürnt meinte: ich hätte keine Ahnug, von WELCHEM Haus sie denn alle sprächen! Bei einigen geprenkelten wunderschönen Kühen fand ich dann wieder zur Ruhe und stand einfach dort, um sie zu betrachte. Kurz bevor ich nach Pereira abreiste (um von dort den Bus nach Medellín zu nehmen), tauchte der Amerikaner schnaufend auf und teilte mit, seine Kamera sei gestohlen worde. Tatsächlich hatte er die Kamera bei eben jenem Nacktschwumm ans Ufer gelegt, sie dann vergessen und als er zurückging ward sie verschwunden 😀 Ich fragte mich ob das wohl nur gerecht war…

Als ich noch etwas Zeit hatte, bevor ich zum Bus musste, fragte ich noch den Besitzer, einen Holländer, über sein Hostel aus. Im Unterschied zum Columbianer in San Gil: er antwortete auf meine Fragen schon fast aggressiv ud äusserte sich sehr negativ über: die Arbeit im Hostel (die sei so anstrengend und mache überhaupt keinen Spass), die Leute die versuchten, mit diesem Hostel zu arbeiten (so wie Touranbieter, die er als geldgierig bezeichnete und meinte, jeder Mensch denke nur noch an Geld und wolle keine Qualität mehr) und über meine Einstellung (er meinte ich sei absolut naiv, ein Hostel aufmachen zu wollen, es sei ja so hart und unschön, den Gedanken solle ich mir gleich aus dem Kopf schlagen). Ich war im ersten Moment doch etwas baff, fand aber gut, dass ich auch mal mit so einem negativen Menschen gesprochen hatte. Das war schliesslich auch eine Seite der Hostelwelt! Und so verliess ich nach Sonnenuntergang Naïma, das Holländerhostel und den Diätchinesen 🙂



Quito – keine Erinnerungen, Pomasqui – voller Erinnerungen

4 06 2012

Ich kam in Quito an, ohne es zu erkennen. Das war schon ein bisschen enttäuschend. Ich hatte erwartet, dass neue Erinnerungen auftauchen würden, dass ich kleine Strassen oder vielleicht den Supermarkt, in den wir immer gingen, wiedererkennen würde. Aber weder fand ich den Supermarkt mit den langen Rolltreppen und dem speziellen Geruch, noch erkannte irgendwelche Barrios wieder. Allerdings ass ich Essen (leider hab ich den Namen schon wieder vergessen), das wir ab und an auch als günstige Variante vertilgt hatten, wenn wir in Quito einkaufen waren. Auch erinnerte ich mich an Kleinigkeiten wie den Namen meines 6-wöchigen Spanischprofessors: Libni. Und daran, dass ich immer mit der Putzfrau der Unterkunft, in der wir in Quito untergekommen waren, mitgegangen war, um in einem weitentfernten Geschäft mit dem Hund Schockoladenbrötchen einkaufen zu gehen. Und dass ich und Valentin (mein Cousin) in dieser Unterkunft einmal einen lächerlichen Streit mit Anschreien und Kissenwerfen hatten, bei dem es um Tiere ging: er ärgerte mich mit der simplen Aussprache von „ich will Tiere umbringen, die sind zum Essen da, Tiere sind keine ebenwürdigen Lebewesen, etc.“ 😀 Ich könnte wetten, dass er sich heiligerweise nicht mehr daran erinnert 😛 Naja, auf jeden Fall fand ich ein supergünstiges Hostal direkt im Kuchen (7.50 USD für ein riesen Privatbett mit Fernseher). Von dort aus machte ich es mir bald zur Gewohnheit, bei einem superleckeren und supergünstigen Chinesen irgendwelche Gerichte mit Camarones verschlingen zu gehen. Für 2.60 USD bekam ich z.B. eine Camaronessuppe mit Gemüse. Und für 3.60 USD erhielt ich Gemüse, Reis und Shrimps, ist das nicht herrlich??? In Ecuador fühlte ich mich so RICHTIG zu Hause, auch wenn es nur 3Tage und 2Nächte waren.

Auf jeden Fall überwand ich mich am nächsten Tag, einen Bus nach Pomasqui zu nehmen. Dabei war ich überrascht, wie einfach und gut das Bussystem war und fragte mich, ob sich das in den letzten Jahren sehr entwickelt hatte, oder schon immer so günstig und gut gewesen war. Ich musste bloss einmal umsteigen und die Reise von ca. 1-2h kostete mich gerade mal 0.60 USD! Der Buschauffeur vergass mich allerdings, in Pomasqui rauszulassen, und da ich gefragt hatte, ob sie mir mitteilen konnten, wenn wir in Pomasqui wären, getraute ich mich nicht zu fragen. So machten sie – als ich dann endlich doch noch fragte – einen Vollstop und liessen mich aussteigen und bei einem entgegenkommenden Bus gleich wieder reinhüpfen. Der nahm mich gratis bis zurück nach Pomasqui. Ich dachte, ich hätte einen Pet-Accessoire-Shop wieder erkannt und rannte gleich nach dem Abhüpfen die Türen dieses Ladens ein! Der Besitzer meinte allerdings, dass es dieses Geschäft erst seit 3 Jahren gab, also Fehltreffer. Aber ich fragte ihn gleich nach dem Barrio (so wie ich es in Erinnerung hatte), fragte nach den Namen der Barrios und nach der Schule, an deren Name ich mich plötzlich erinnerte (Ernest Rutherford). Am Ende nannte mir ein alter Cowboy zwei Barrios, die auf meine magere Beschreibung ala „hat einen grossen Torbogen als Eingang zum Barrio, staubige Strasse…“. Ich lief ca. 30Minuten in der Hitze, nur um eines der Barrios zu suchen, fand es allerdings nicht und lief wieder zurück. Mir begegnete ein Taxi, auf das ich gleich aufsprang: ich hatte keine Lust Stundenlang das richtige Barrio zu suchen. Der Taxifahrer wusste sofort, wovon ich sprach. Er fuhr und fuhr und fuhr und ich glaubte, mich an immer mehr erinnern zu können: ein Eingang, in dem einst ein Tischler gearbeitet hatte, Valentin und ich, die wir nach einem Schultag bei einem Bienenhalter vorbeigingen und lernten, wie er seinen Honig gewann. Dann war da die gelbe Brücke über einen Talfluss und schliesslich die kurvige ummauerte Auffahrt Richtung Santa Rosa. Und da, nach etwa 3 Kurven: das grosse gelbe Tor. Allerdings war die Strasse dahinter mittlerweilen geteert.

Als erstes fand ich das Haus, das damals Cesar gehört hatte – und tatsächlich, als ich mit gebrochener Stimme fragte, ob hier ein gewisser Cesar wohnte, kam die Frau Cesars und holte deren Tochter. Ich erinnerte mich an beide Gesichter und die Tochter erinnerte sich ebenfalls lebhaft an all unsere Namen 🙂 Wir redeten nur kurz, vielleicht 15Minuten, ich fragte sie über Cesar und Bambi aus und sie mich über Felicitas, Dominique, Valentin und mich. So erfuhr ich, dass Cesar schon von 6Jahren gestorben war und Bambi kurz darauf. Und was sie mir auch erzählten und ich wunderschön fand: Bambi sei nach unserer Abreise ständig zu unserem Haus gelaufen und hätte „geweint“ (so nannten die zwei Frauen es). Und das Tag ein, Tag aus. Es berührte mich und zeigte mir ein weiteres Mal, wie echt die Gefühle der Tiere waren, wie tief deren Treue ging und wie aufrichtig und wunderschön deren Seele ist. Und ich verstand, dass ich nicht nur Pussycat im Stich gelassen hatte, sondern auch Bambi das Herz gebrochen. Darüber konnte ich zwar nicht weinen, aber ich prägte es mir ein, als eine Lektion fürs Leben. So etwas durfte ich nicht noch einmal verbrechen! Pussycat hingegen war seither von niemandem mehr gesehen worden. Ich vermute, dass sie nur Tage nach meiner Abreise verendet war: Pussycat hatte ich als Babykatze mit einem verschissenen und verpissten Schwanz zwischen Tor und Wand vom Barrioeingang gefunden, hatte sie in einem in der Nähe gefundenen Benzinkanister nach Hause getragen (ich war ein winziges, mageres Mädchen mit zwei Schwänzchen, das noch nie ein Tier gehabt hatte), und das Kätzchen aufgepäppelt. Meine Mutter und Dominique waren sogar irgendwann einverstanden, dass ich sie behielt, und so kam es, dass sie EINZIG mir vertraute. Sie kam IMMER wenn ich sie mit ihrem Namen Pussycat rief, meistens rief ich sie sogleich, nachdem ich von der Schule zurückkam. Ich fütterte sie, ich liebkoste sie, ich bürstete sie, ich versuchte ihr Dinge beizubringen. Aber das was sie mir gab, war das grösste Geschenk, das man erhalten konnte: es war Liebe und Vertrauen. Ich weiss, dass ich sie durch meine liebevollen Umarmungen (oder auch Erdrückungen) fast umgebracht hatte, aber sie hatte mich nie verletzt oder sich gewehrt. Ich hatte sie auch fast umgebracht, als ich auf die Idee kam, ihr eine Leine aus blauer Plastikschnur anzulegen und mit ihr auf dem Dach spazieren zu gehen. Sie begann sich zu wehren, verfing sich böse im Netz und fiel am Ende ca. 2.5 Meter vom Dach hinunter, ohne sich auffangen zu können, da ihre Beine in meiner Leine verstrickt waren. Und doch kam sie immer wieder zu mir. Und war ich vielleicht am meisten schätzte: sie vertraute NUR mir und liebte NUR mich. Wie die ja bestens wissen, die mich kennen, bin ich äusserst kontrollsüchtig, besitzergreifend und in Beziehungen komplett eifersüchtig. Pussycat war wohl meine beste Beziehung gewesen… Dies ist wohl eine der einzigsten Taten in meinem gesamten bisherigen Leben, für die ich absolute Reue empfinde, und wenn ich nur könnte, die Zeit zurückdrehen würde, nur um diese eine Ding wiedergutzumachen, sie nicht zu verlassen, sie nicht zurückzulassen.

Nach Cesar’s Familie suchte ich noch das Haus auf, in dem wir gewohnt hatten. Es war mittlerweilen in eine Privatschule umgewandelt worden. Die Rektorin war anscheinend die Tochter der Besitzerin dieses Hauses. Als ich fragte, ob ich Fotos machen könne – nachdem ich 10Minuten hatte auf sie warten müssen – meinte sie, nein. Als ich fragte, ob ich doch bitte wenigstens von diesen zwei Minikokosnusspalmen mit der Bar dazwischen ein einziges Foto machen könne, verneinte sie. Danach wollte sie mich doch tatsächlich noch ausfragen, wer ich sei, was ich hier wolle. Aber ich schnitt ihr das Wort ab und meitne, ich müsse mich beeilen, mein Taxi warte auf mich. So ging ich nur kurz auf dem Grundstück umher und floh dann schleunigst wieder aus dem Eingangstor. Was für eine Hexe!

Weiter unten – und da war der Weg tatsächlich noch nicht geteert – besuchte ich Marta, eine Nachbarin, mit deren Sohn ich damals zur Schule gegangen war. Von ihr hatte ich auch Bambi bekommen, er war eines von vier Hundebabies gewesen. Alle seiner drei Geschwister waren in den Wochen nach der Geburt unter der Achtlosigkeit gestorben. An Marta und ihren Sohn hatte ich nur wenig gute Erinnerungen. Ich hatte ihnen z.B. auch das zweite Kätzchen anvertraut, das ich erst am Ende unseres Ecuadoraufenthalts gefunden hatte. Was damit passiert ist, will kein Tierliebhaber im Detail wissen, aber zur Information: Kevin, Martas Sohn, hatte das Kätzchen mit aus Dach genommen, war auf dem Dach mit dem Skateboard herumgefahren und hatte das Kätzchen überfahren, getötet, verquetscht! Kevin war  ein sowieso sonderbarer Junge gewesen… Marta hatte mittlerweile einen zweiten Sohn. Kevin traf ich nicht, er war im Gymmi. Marta hatte mich sofort wiedererkannt – aber nicht etwa an meiner weissen Haut, nein, an meiner STIMME! Ich war davon doch sehr überrascht. Sie begleitete mich noch bis zum Taxi. Da fragte ich auch noch, nach dem grossen, gefährlich kläffenden schwarzen Hund Oso, der aber auch schon lange verstorben war. Oso hatte mich und Valentin immer mit gefletschten Zähnen und gefürchigem Gebelle begrüsst, aber er hat keinem ein Haar gekrümmt und sobald ich nahe genug gewesen war, um ihn zu streicheln, hat er sich beruhigt =)

Nach dem Besuch bei Marta verliess ich das Barrio mit dem Taxi und nahm gleich darauf einen Bus zurück nach Quito. Länger wollte ich dort nicht bleiben. Mehr Dinge wollte ich nicht sehen. An die Namen aller restlicher Bekannten konnte ich mich auch nicht erinnern.

In Quito erfreute ich mich natürlich wieder an dem Chinesen mit den Shrimps, machte noch eine Sightseeingtour durch die Altstadt, an die ich mich in keiner Hinsicht mehr erinnerte. Und gegen Ende des Tages ging ich zum Mercado Artesanal, wo ich mein ganzes Dollar-Geld ausgab: ich kaufte ein Geschenk nach dem andern, kaufte mir selbst einen sehnsüchtig vermissten Poncho und noch mehr Geschenke. Am nächsten Tag kam ich mit meinem gesamten restlichen Geld her, um auch noch dies in Geschenke zu verpulvern – wie oft war ich denn in Ecuador, um interessante NICHT-SCHMUCK-Geschenke zu kaufen, so dachte ich 😉 Danach ging ich zurück ins Hostal, holte mein überbepacktes Gepäck und eilte zum Busterminal, um den Bus zurück nach Kolumbien zu erwischen.



Grenzüberschritt

4 06 2012

Von Ipiales aus musste ich einen Collectivobus nehmen, der mich allerdings zu meiner Überraschung sofort ÜBER die Grenze brachte, das heisst, ich war in Ecuador angekommen, ehe ich mich versah! Aber natürlich musste ich nochmals alles zurücklaufen, damit ich in der Columbianischen Botschaft den Austrittsstempel einholen konnte, erst danach ging ich mit schweissnassen Händen und Tränen in den Augen wieder zurück über die Brücke nach Ecuador. Tatsächlich weinte ich. Aber als mich auf der ecuatorianischen Seite ein Mann mit einem offenen Messer in der Hand begrüsste, steckte ich meine Emotionalität umgehend für einen Moment weg und konzentrierte mich auf das Wesentliche 🙂 Der Typ der die Eintrittsstempel verteilte fragte mich zu meiner Freude, ob ich das erste Mal nach Ecuador komme. Darauf antwortete ich etwas zu eilig: NEIN! Er suchte also den Ecuadorstempel bis ich ihn zwinkernd informierte, dass dies 10Jahre her sei. Danach liess er mich sofort gehen ^^ Ich musste einen weiteren Collectivobus bis in das Stadtterminal von Tulcán nehmen. Dort erwischte ich gleich einen Bus für 4.50 USD der direkt nach Quito fuhr (ca. 4h). Die ganze Fahrt über weinte ich entweder still vor mich hin oder nickte weg. Um das zu erklären: eigentlich hatte ich nicht erwartet, dass ich eine so starke emotionale Verbindung zu Ecuador und zum Minidorf Pomasqui empfand und ich kann es mir nur durch mein damaliges Kindesalter, die schönen und so verschiedenen Erfahrungen und durch meinte Tiere Pussycat (meine Katze), Bambi (mein/unser Hund) und Lucia (mein Huhn) erklären. Dazu natürlich unsere Nachbaren und Angestellten: Cesars Familie. Ich schwitzte die ganze Zeit über kalten Schweiss und konnte an rein gar nichts anderes denken als an das Wiedersehen mit den Orten meiner fröhlichen Kindheit und an das eventuelle Wiedersehen mit Menschen, an die ich mich optisch kaum noch erinnerte. Die Hoffnung, dass Pussycat oder Bambi noch lebten waren kaum vorhanden…