Venezuela upstream ;)

25 05 2012

Helikopter vom Militär, fragt mich nicht zu welchem Zweck der dort stand!

Brücke bei Ciudade Guayana

Autopanne, bereits der zweite explodierte Reifen...

Der Grenzübertritt war ein Desaster, danach fühlte ich die Abneigung gegen Venezuela, die wohl viele Menschen empfanden. Ich musste ein Collectivtaxi nehmen, da angeblich keine Buse fuhren. Und da wir 4 Passagiere so viel Gepäck hatten, mussten sie den Kofferraum mit Schnur zubinden, ziemlich umständlich. Das war dann einer der Gründe, weshalb wir abgezockt wurden. Ein weiterer Grund war, dass eine unserer Passagiere keinen gültigen Pass besass! Und der dritte und ärgerlichste Grund: wir vermuteten alle, dass wir von unsererm Fahrer verarscht wurden, denn er hielt bei jeder Militärkontrolle von selbst, ohne dass sie ihn stoppten… Bei der Grenze verlor ich dann die Nerven, wir mussten zusätzlich zu all der Abzockerei noch Impuesto bezahlen, also Geld, damit man aus dem Land austreten durfte! Soviel ich wusste, mussten das gewisse Länder Europas nicht bezahlen (Schweiz inklusive), da sie irgend ein abkommen hatten. Aber die Militärs bestanden darauf, und so kostete mich diese Reise von nur 3h 50Dollars, was unerhört ist… Ich legte mich dann auch noch mit dem Chauffeur an, bis er mich einfach in der Pampa absetzen wollte, danach hielt ich den Mund und fluchte einfach dunkel vor mich hin. Als wir die Grenze überquerten, fiel mir als erstes auf, dass sich hier an den Strassenrändern viel mehr Abfall sammelte, ehrlichgesagt erinnerte es mich stark an Ecuador, so wie ich es in Erinnerung gehabt hatte. Und ich fühlte mich ein bisschen wie zu Hause 🙂 Kinder sah man mit dem Abfall spielen und Tiere suchten dort nach Essbarem. Aber noch zum Abschluss über Venezuela meine Beobachtungen, Feststellungen, Lieblingserinnerungen und Ähnliches:

-Am Anfang meines Venezuelaaufenthaltes versuchte ich die Ansprache „mi Amor“ an mich gerichtet zu zählen, ich gab bald auf, da es sich nach einiger Zeit als ganz normal herausstellte. Das Witzigste fand ich jedoch, wenn das Militärs oder Polizisten zu einem sagten… Weitere Ansprachen: cariño, gringa, hermosa

-Hupen: hier hatte das Hupen eine zentrale Bedeutung, ich leidete schon in Venezuela unter dem Lärm, aber wie ich später herausfand, sollte es in Columbien noch viel viel übler sein. In Venezuela hupte man wenn: man einen Fussgänger warnen wollte, einen Fussgänger überqueren lassen wollte, überholen wollte, sich aufregte, jemanden überholen lassen wollte (oder manchmal auch nicht!), wenn man an der Ampel stand oder im Stau steckte.

-In Venezuela gab es nach meinem Auge zu urteilen viel mehr hübsche „Mannsgöggel“ 😀 als in Brasilien

-Auch in Venezuela bekam man überall und immer wieder verschiedene Angaben, aber wenigstens waren all irgendwie richtig… 😉

-Die Strassen und Autobahnen werden in Venezuela nicht beleuchtet, daher fahren alle mit Fernlicht und das hat zu Folge, dass es immer höchst gefährlich wird, wenn man Autos kreuzt, weil man dann nur noch Schwarz sieht und dazu noch geblendet wird… Ich hatte manchmal echt ein bisschen Schiss!

-Überall hörte man in der Nacht Salsamusik aus den Bars tönen, gefiel mir wahnsinnig 🙂

-Venezuela erschien mir ENORM religiös, in jedem Auto hing irgend ein Kreuz, die Leute kreuzten sich die Stirn, wenn sie eine Kirche passierten oder auch nur eine kleine Reise mit dem Bus unternahmen. Ich vermied das Thema daher eigentlich immer.

-Hier erschienen mir die Leute deutlich mehr Respekt vor Tieren zu haben, die Pferde waren meist besser gefüttert (vielleicht lag es auch daran, dass das Land nicht komplett als Ackerland diente, und daher mehr Nährstoffe in den Weiden zu finden sind..?), dazu hielt man hier viel mehr Hunde und ab und zu sah man sogar Hauskatzen. Als ich aber mehrmals Strassenhunde fütterte, oder mit ihnen mein Mittagessen teilte, sahen mich die Leute merkwürdig an… ^^

-Die Menschen erschienen mir noch hilfsbereiter als in Brasilien, in nur 3 Wochen Aufenthalt in Venezuela, wurde ich für insgesamt 6 Nächte in lokale Familien und deren Häuser aufgenommen! Wenn das mal nicht was heissen will! Klar hatte ich Glück, und mit dem Spanisch viel mir die Kommunikation deutlich leichter, aber trotzdem. Ich fand die Venezuelaner allesamt super!

-Als Orte werden mir Mérida und der Roraima in guter Erinnerung bleiben: Mérida mit seiner top Touristen-Infrastruktur und seinem tollen Klima (dazu superschöne Häuser) und Roraima, vielleicht hauptsächlich weil es ein so harter Treck war, aber sicher auch, weil es wie alle Guides richtig behaupten, eine Welt für sich war!

-Und natürlich war das Highlight mein Besuch in der Familie Diaz, die mir allesamt ans Herz gewachsen sind! Wenn ich je wieder in der Nähe von Maracaibo landen sollte, dann würde ich sie – keine Frage – besuchen! =)

Das War mein Teil zu Venezuela, nun viel Spass beim weiterlesen über Columbien 😉

Minibüsis wuseln um verschundene Füsse =)

 

Top-Pic: Hund auf Lastwagenware AUFGEBUNDEN!!!

 

der hübesche Uruguayaner war mein Model 😉 jump-into-amazone

mis Yasmina-Gottimeiteli 😉

P.S. an Grossi: han no es anders Bild vo de Yasmina gmalt, aber vo dem hani leider keis Foti vorem zerstörende Roraima-Trek gmacht! 🙁



In der Familie Diaz

20 05 2012

Den Anfang dieses tollen Erlebnisses hatte ich ja schon erzählt. Wie es weiter ging, das folgt nun hier. Zurück im Haus lernte ich meine Gastgeber besser kennen: da war Mafer, die ältere Tochter, liebt das kochen und studiert Politikwissenschaften. Die Mutter Maria Los Angeles, sie ist Ärztin und wie sie mir immer und immer wieder erzählte, war sie seit 2 Jahren von ihrem Mann getrennt, er hatte sie für eine andere Frau verlassen, aber sie waren offiziell immer noch verheiratet, und Maria litt ganz offensichtlich immer noch stark unter der Trennung. Dann war da Enzo, der liebenswürdige Freund von Mafer, sie waren schon seit 4 Jahren unzertrennlich und gaben ein echt harmonisches Paar ab. Beide liebten das kochen, Enzo war die Ruhe in Person und liess sich in dieser Familie vieles gefallen, während Mafer ganz nach ihrer Mutter gerne den Ton angab. Und zu guter letzt, die jüngere Tochter Maria Angelina (ich werde im Text das Kürzel MA verwenden). Sie war ein schulisch hochmotivierte intelligente 17jährige. Ich konnte mich stark mit ihre indentifizieren – vielleicht nicht mit meinem jetztigen Ich, aber bestimmt mit einem früheren. Sie strotzte nur so vor Motivation um neue Dinge zu lernen, sie wollte raus um die Welt zu erkunden, sie lernte auf eigenen Wunsch Sprachen (Französisch, Englisch und Deutsch) und sie war gut! Sie fragte mich über die Sprache Deutsch und über Europa aus. Ich erklärte ihr, dass Deutsch bestimmt nicht besonders nützlich ist, wenn man nicht gerade in DE oder der CH leben und arbeiten möchte, ich nannte ihr die positiven Aspekte des Lebens in Europa oder hauptsächlich der Schweiz aber warnte sie, dass es immer auch eine Schattenseite gab! Sie träumte davon, eines Tages nach DE reisen zu können und als ich ihr von den Schweizer Löhnen erzählte, wollte sie auch gerne in die CH kommen, um der Familie Geld nach Hause schicken zu können. Sie kam in meinen Augen mehr nach dem Vater, sie war weltoffen und dachte nicht in nationalen Grenzen. Ich habe diese ganze Familie ins Herz geschlossen, jeden einzelnen von ihnen, ich hatte ein grossartiges Erlebnis, eine kleine Belehrung auf meinem Lebensweg. Wie das alte Paar aus Nova Friburgo werde ich auch sie niemals vergessen. Mit MA bin ich immer noch in Kontakt und hoffe auch, es zu bleiben. Ich korrigiere ihr Deutsch, und sie mein Spanisch und ich würde sie gerne irgendwann mal in der Schweiz begrüssen können, oder vielleicht eine Reise durch DE machen.

Aber nun zurück zum Geschehen: ich habe die Ereignisse leider nicht mehr in der Reihe im Kopf, aber ich kann so ungefähr zusammenfassen, was ich alles sah und lernte. Venezuelaner mögen kein Gemüse, und Früchte auch eher weniger. Als ich meinen Salat machte, und ihnen anbot, schauten sie mich nur lächelnd an und dankten ab. Allerdings probierte Enzo mutig und meinte, er sollte mehr Gemüse essen 🙂 Ich stimmte schon am ersten Abend einem Arepa mit Schinken zu, verstiess also gegen mein „ich-werde-kein-Essen-annehmen“… Mafer war schlechthin die Köchin im Haus, während MA immer das Geschirr machen musste. Ich lernte Cocosettes kennen, das sind Cookies mit Kokosnuss, echtes Suchtpotential 😉 Mit MA teilte ich in der zweiten Nacht das Bett und wir schauten einen Film auf Deutsch. Maria Los Angeles nahm mich mit Mafer auch noch zum teuersten Luxushotel in Maracaibo mit, sie wollte, dass ich eine Vorstellung davon bekäme. Ich fühlte mich schlicht nach Europa versetzt und die Preise waren keineswegs waghalsig, sie waren für europäische Portmonees sogar recht preiswert! Aber das Flair der Oberklasse ekelte mich geradezu an; erstens war ich es nicht mehr gewohnt und erschienen mir alle dort herumstolzierenden Leute hochnäsig und herabschauend… Ich fühlte mich nach einer Weile auch gezwungen zu erklären, dass mich ein Luxushotel nicht besonders beeindruckte, und dass dies praktisch Normal-Ferien eines Europäers seien. Mafer und Maria schienen von diesem Hotel zu träumen…

Am Muttertag machten wir einen Ausflug nach Santa Rosa de Agua, das war ganz alleine für mich, aber die ganze Familie kam mit. Es endete leider weniger schön: alle stritten sich und Maria rastete komplett aus. Mafer erklärte mir, dass es wegen der Hitze sei, aber mir kam es eigentlich sowieso mittlerweilen so vor, als sei diese Familie wie ein einziger blubbernder Kochtopf und jede platzende Blase war eine „laute Diskussion“. Nach vier Tagen fühlte ich mich etwas unwohl, ich beteiligte mich natürlich nie an irgend einer Diskussion, aber ab und zu hätte ich meine Meinung gern dazu abgegeben. In Venezuela – so lernte ich – war es das absolut Normalste, Kinder als so etwas wie Sklaven zu behandeln. Ich nehme stark an, dass jeder Venezuelaner das verneinen oder auf jeden Fall anderst formulieren würde, aber unter Europäern würde ich das so beschreiben. Die Eltern oder auch einfach die Älteren kommandieren die Jüngeren herum, als seien sie Diener. Mach dies, mach das, hol mir einen Bleistift und zwar schleunigst, renn und hol mir ein Glas Wasser, ich habe Durst, aber wird’s bald?! Mir gegenüber geschah so was nie, aber vorallem MA kam unter die Räder. Ich hätte es als Tochter niemals in diesem Haus ausgehalten, ich wäre vermutlich mit 12 ausgerissen! Und trotzdem konnte man ganz leicht sehen, dass es doch irgendwie gerecht und mit guter Absicht geschah: die Mutter brachte das Geld nach Hause, damit ihre Töchter Essen und Bildung erhielten. Und die Töchter konnten das nun mal nicht in Geld zurückbezahlen, also arbeiteten sie dafür. Zudem war das Angeschreie vermutlich als strenge Erziehung gedacht. Mafer und MA waren durchaus gut erzogen, aber das Geschreie würde vermutlich über die Generationen hinweg weitergetragen, und das war in meinen Augen oft unnötig mentaler Stress. Santa Rosa de Agua war eine Art Dorf auf Pfahlen am Rande von Maracaibo. Es gab sowohl touristische Restaurants (in einem davon musste ich als Schweizerin nach einem Toilettenbesuch eine Unterschrift mit Spruch an weisser Wand hinterlassen) als auch Wohnpfahlbauten. Es war sehr speziell das zu sehen, aber der Dreck im Wasser machte mich halb krank. Fotos folgen irgendwann.

Am Muttertag kaufte Maria für sich selbst und die Familie und Gäste Fleisch für 300 Bolivar ein, was ein echtes Vermögen darstellt (ca. 38CHF). Nach dem ganzen Gestreite im Auto wegen Paranoia vor allemmöglichen (Dieben, platten Reifen, Umfall, etc.) war die Situation so gespannt, dass ich mich sofort ins Zimmer zurück zog. Als ich wieder heraus kam, war sogar Enzo verreist, er hatte sich so stark mit Maria gestritten (es war um irgend ein Detail in der Küche gegangen). Die Paranoia war es übrigens mitsamt dem ganzen Geschrei, die mich nach 4 Tagen abreisen liess. Es erinnerte mich stark an meinen Vater, der ja auch dieser Krankheit verfallen ist. Zudem begann ich, Paranoia als eine weltweite ernstzunehmende Krankheit zu sehen anstatt als Überreaktion… In der Nacht vor Muttertag (oder danach?) backte Mafer eine riesen Torte, dazu benutzte sie einen Eimer, mit dem man 3 Pferde hätte füttern können. Die Torte schmeckte dann sehr gut, war mir aber viel zu buttrig und fettig…

Dann bleibt da noch der Hund Zeus zu erwähnen: er war der jüngste unter 5 komplett unterschiedlichen Hunden. Er hatte sich schon am ersten Abend in mich verliebt – wie mich Enzo unterrichtete. Zeus war ein Geschenk von Enzo an die Familie gewesen. Maria schlug den Hund am liebsten, denn er hatte null Manieren und beachtete auch nicht all das Geschrei 🙂 Allerdings ging mir seine Verliebtheit nach einer  Weile auch ein bisschen auf die Nerven: er hüpfte immerzu an mir hoch und warf mich fast um. Dann biss er mich immer sanft in die Sehne, wenn ich versuchte, wegzulaufen oder ihm auszuweichen, schleckte immer wenn es irgendwie möglich war meine Hände ab oder schnupperte mir zwischen den Beinen herum… Aber ich mochte ihn natürlich sehr, er war ein Tier, und ich fühle mich einfach am richtigen Platz, bei Tieren. 🙂

die Namen hab ich schon wider vergessen, sowas wie Tim und Nieva?

Zeus, der sich in eine Sterbliche verliebte... 😉

An einem Tag kochte Maria einen Eintopf mit Shrimps, dazu gab es Yuca und Brot. Ich liebte dieses würzige Mal und genoss das Essen in allen Zügen. Dabei kamen auch noch der Fahrer (der überigens Fernando heisst), also der Ex von Maria und eine alte Freundin von Maria. Aber Maria zerstörte wieder einmal die Atmosphäre, indem sie hoch direkte Anspielungen über „ihren Ehemann“ fallen liess. Nun ja, ich bin ja selbst ein bisschen verbittert, also kann ich sie irgendwo gut verstehen. Aber es IMMER SO hochzuspielen war irgendwie etwas unnötig… Zudem erfuhr ich, dass diese alte Freundin früher die Töchter gebabisittet hatte und nun immer wieder vorbei kam, um von Maria etwas Geld abzuknöpfen, weil sie keines hatte. Ebenso kam deren Tochter eines Abends vorbei und fragte indirekt nach Geld, meinte, sie hätte kein Geld mehr, um das Heimtaxi mit ihrem Sohn zu bezahlen. Aiaiai, ich seh da nicht tief genug, aber mir schien das alles sehr abzockerisch… Und dies sollte nicht das letzte mal sein, dass ich Venezuelaner für Abzockerei beschuldigte…

Am Morgen meiner Abreise bereitete ich mir einen Multi-Fruchtsaft mit allen möglichen Früchten, die ich hier in Maracaibo gefunden hatte (dazu gehörten auch Ciruellas, keine Ahnung wie das auf Deutsch heisst). Maria bekam fast die Krise, als ich meinte, ich wisse nicht so genau, wo ich in Columbien als erstes hinwolle. Sie meinte, es sei viel gefährlicher als Venezuela, alle wollen dich ausrauben und es gibt natürlich kein richtiges Essen, keine Milch und alles war teurer…  Sie wollte mich über die Gefahren des Reisens aufklären, was mir an jenem Morgen doch gehörig auf die Nerven ging. Ich war schliesslich mit meinen 19Jahren etwa 1000mal so viel gereist wie sie… Naja, ich wusste ja, dass es nur gut gemeint war… Dann erfuhr ich auch, dass man in Venezuela anscheinend nicht mal im Heim leicht bekleidet herumlaufen kann. Als ich mir aber eine Hose anziehen gehen wollte, meinte sie, es sei schon okay. Erst bei jener Bemerkung fiel mir auf, dass ich in Venezuela nur Prostituierte in aufreizender Aufmache gesehen hatte, nie aber sonstige Frauen, nicht mal im Ausgang! Ich vermutete, dass, wenn sich eine Frau freizügig kleiden würde, die Männer jeglichen Respekt verlieren würden… Es war ja schon vermummt unmöglich, nicht angemacht zu werden… MA war an jenem Morgen schon um 6 aus dem Haus gegangen, Maria ging um 8 und ich konnte nur noch Mafer richtig Ciao sagen. So liess ich einen Briefumschlag mit einem kleinen monetären Dankeschön und einem persönlichen Brief für jeden unter dem Kopfkissen. MA schrieb mir später, dass sie grosse Freude daran gehabt hatte, dass ihr Brief auf Deutsch geschrieben war 🙂 Das war mein Aufenthalt in der Diaz Familie 🙂

Enzo, Mafer und Maria Angelina 🙂

 

unser letzter gemeinsamer Abend =)



Maracaibo, die heisse Stadt!

20 05 2012

Im Collectivtaxi fragte ich den Fahrer, ob er günstige Hostels in Maracaibo kenne. Als er dies mit nein beantwortete, fragte ich, ob er mich beim Hotel so und so lassen könne. Nach Diskussion willigte er ein. Aber dann informierte er mich über den Preis, und ich fiel fast vom Hocker! Das Hotel war von Lonely Planet als günstig angeprangert worden (meine bisherige Erfahrung sagte, dass Lonely Planet für Übernachtungsmöglichkeiten der beste Guide war)… Nachdem ich meinem Frust über die Kosten dieses Tages Platz gemacht hatte, warf der Chauffeur auf einmal ein, er könne ja mal seine Töchter fragen, die wohnten nämlich in Maracaibo. Gegen meine Gewohnheit willigte ich sofort ein und dankte ihm. Er smselte 2h hin und her, bis er mir positiven Bescheid gab. Ich fragte, ob deren Wohnort denn weit vom Zentrum sei, und er beantwortete mit „ja schon“. Ich fragte mich, ob das schlau war, denn so musste ich vielleicht horrende Transportkosten bezahlen. Aber als wir erst um 1 oder 2 Uhr nachts (ich erinnere mich nicht mer genau) ankamen, war ich höllenfroh, nicht mehr ein Hotel suchen zu müssen. Ich wurde ganz merkwürdig begrüsst, fühlte mich am Anfang deutlich unwohl und diebisch. Es war ein Haus, das der Exfrau des Fahrers gehörte. Sie wohnte dort mit deren zwei Töchter und dem Freund der Tochter. Der Freund war am Anfang der einzige, der mir ein nicht-beklemmendes Gefühl gab. Aber an diesem Abend spielte das sowieso kaum noch eine Rolle, ich war sooo müde vom ganzen Tag, dass mir das irgendwie alles ein bisschen egal war. Ich wusste nicht, wie man sich in Venezuela in fremden Häuser benahm, schon gar nicht, wenn man die Leute nicht kannte. So war ich einfach froh um jedes Angebot, das sie mir machten (wie zum Beispiel eine Dusche zu nehmen, mein Essen im Kühlschrank zu lagern oder gleich ins Bett zu gehen), ich nahm alles dankend an. So entdeckte ich schon am ersten Abend, dass das Haus kaum Wasser spuckte, ich „duschte“ unter einem Wasserfaden…

Der nächste Morgen verlief folgendermassen: ich ass mein restliches mitgebrachtes Essen aus Apartaderos (Fladenbrot, ein Stück Schockolade, ein Mandarinchen und ein paar Cornflakes), dann fragte ich, ob ich mein Gepäck hier lassen könne, bis ich ein Hotel gefunden hätte. Klar, kein Problem! Wie ich erfuhr, war Mafer (die ältere Tochter) extra nicht zur Schule gegangen, damit ich nicht um 6 Uhr aus dem Haus geworfen wurde… :-S Auf jeden Fall erklärte mir Mafer, wie ich ins Zentrum kam (ich musste wieder eins dieser Collectivtaxis nehmen), ich watschelte zur „Station“ und wartete mehr als eine Stunde. Langsam begann ich zu bejahen, dass Maracaibo die heisseste Stadt ganz Venezuelas war (vielleicht sogar heisser als jede Stadt, in der ich in Brasilien gewesen war)… Es war vielleicht 9 Uhr morgens, aber die Sonne pretschte auf die Strasse, sogar im Schatten schwitzte ich schon Bäche! Kurz bevor ich ein Taxi erwischte, erwischte mich Mafer: sie kam die Strasse hinauf gerannt und meinte, ihre Mutter hätte gerade angerufen und gesagt, ich könne noch ein Weilchen bleiben, wenn ich wolle! Ich war heilfroh, mein Budget war von Venezuela bereits überstrapaziert (bzw. noch von Brasilien) und ich war froh um jeden Penny, den ich irgendwo sparen konnte (solang es nicht ums Essen ging 😉 ). Ich bin sonst wirklich nicht so die Natur, die jedes Angebot annimmt, aber auch hier machte ich eine Ausnahme. Aber ich sagte zu Mafer, dass ich zuerst trotzdem in die Stadt fahren wolle, um Maracaibo kennenzulernen und Essen einzukaufen (ich nahm mir fest vor, kein Essen von ihnen anzunehmen – das schlug bald fehl 🙂 ).

Das Sightseeing stellte sich für mich als eher langweilig heraus und ich war auch immer noch erschöpft vom vorigen Tag. Wie immer gab es da die Kirchen, wobei diese hier in gewisser Weise schon speziell waren, denn sie waren allesamt hochmodern! Die eine sah aus wie aus Walt Disney entsprungen, sie war in einem mitteldunklen Blau gefärbt und hatte aber rein gar keine Schnörkel! Maracaibo war mir trotz Langeweile recht sympatisch, es herrschte reges Getreibe auf fast allen Strassen, an der ganzen Küstenpromenade wurde gehandelt und geshoppt, ich sah wunderschöne weisse Baumwollkleider (günstig) und kaufte einen monton de frutas (einen Berg von Früchten)! Danach hockte ich für 2h an einem CD-Stand fest: ich durfte alle CD´s ausprobieren und so hörte ich mich einfach durch alle Salsa-CD´s durch, die mich irgendwie anlachten. Das Witzige dabei war, dass dabei alle rundherum mithören mussten 🙂 Und das Beste war, als ich ein paar mal anscheinend in Venezuela geläufige Lieder abspielen liess und die ganzen alten Männer rund herum begannen mitzusingen 😀 Das war ein tolles und fröhliches Erlebnis! Danach lief ich noch ein ganzes Stück zu einem Gemüsemarkt, wo ich weitere Taschen voll einkaufte. Salat, Tomaten, Atuna, Karrotten, Mais, Frühlingszwiebeln, das war hier zu meinem Lieblings-Gesundheits-Menu geworden 🙂 Hier rannten Kinder durch die Strassen und versuchten mir Handtaschen in die Hand zu drücken. Ich fand das recht unangenehm, denn man hörte viel von Diebkindern und andererseits waren diese vielleicht nur hier, um ihr Leben zu erhalten… Auf jeden Fall ging ich danach gleich zurück zu Collectivtaxihaltestelle (die ich kaum fand, keiner wusste so recht, wo die war) und fuhr zurück nach Manzanillo – das Heimquartier von meiner „Gastfamilie“.



Apartaderos – so kalt und unsympathisch wie die Schweiz :)

19 05 2012

Das erste was mir auffiel als ich in die höher gelegenen Dörfer kam, war, dass hier kaum noch Armenhütten zu sehen waren. Alle Menschen die hier oben wohnten, hatten ihr mehr oder weniger gutes und grosses Haus und fast jeder hatte an der Strassenfront irgend ein eigenes Business, sei es nun eine Posada (Hostel), ein Restaurant oder eine Papeterie… Es war irgendwie eine bildliche Erklärung dafür, warum zum Beispiel in der Schweiz kaum Leute auf der Strasse zu finden waren. Ich meine, generell gesprochen MUSS man in kalten Ländern arbeiten, damit man nicht stirbt: man muss Geld haben, um sich ein schützendes Dach über dem Kopf leisten zu können. Klar sind auch kalte Länder von Armut betroffen, aber ich denke, dass wegen dem Klima eine gewisse höhere Motivation zu harter Arbeit besteht – verständlich: wer möchte sich bei 40°C abrackern…

Auf jeden Fall traf ich in Apartaderos, das auf 3350m liegt, bald auch einen der negativeren Züge des kalten Klimas an: die Leute waren im Vergleich zum Rest Venezuelas echt unsympathisch, geldgierig und NICHThilfsbereit! Die Hotels und Posadas hatten horrende Preise, ich lief bis ans Ende des Dorfes, bis ich eine für 25Dollar fand! Klar, man muss das ganze Material den Berg hinauf transportieren, aber diese Preise waren definitiv zu viel verlangt. Das Essen war allerdings merkwürdigerweise billiger als überall sonst, wo ich bisher in Venezuela gewesen war… Und der Esswarenladen wurde von Kindern betrieben.

Ich legte mich nach einem selbstgemachten Sandwich bald ins Bett und fror mir den Hintern ab. Ich lag in voller Montur (2 Pullover, Hosen, Socken) unter 3 Wolldecken und klapperte immer noch mit den Zähnen. Ich schaute fern bis ich einschlief, am nächsten Morgen wollte ich eine Mini-Wanderung zu einigen Lagunen in der Sierra Nevada unternehmen. So nahm ich um 8Uhr morgens ein Taxi bis zur Laguna Mucuji (oder so ähnlich), von wo aus ich dann dem breiten Weg Richtung Laguna Negra folgte. Nach einer Stunde kam ich dort an, meine Knie machten mir mächtig zu schaffen. In meinem Venezuelaguide hatte es geheissen, die gesamte Wanderung (also hin und zurück) sei 45min lang. Aber ich wollte ja schliesslich nicht schlapp machen… So machte ich bei der Laguna Negra ein paar langweilige Fotos und suchte danach nach dem anderen Weg, der zurück führen sollte. Ich fand einen kleinen Pfad, der nach meinem Urteil in die richtige Richtung führte. Ich folgte ihm bis ins Flussbett hinuter, was eine rutschige Angelegenheit war (einmal wurde ich fast von einem Ast aufgespiest und das andere Mal als ich derb ausrutschte, schlug ich mir den Kopf an einem Stein an). Dort traf ich auf zwei Fischer, und fragte, ob ich einfach dem Fluss folgen könne, um nach Mucuji zu gelangen. Sie sagten irgendwas von „uuuh, weit“ aber ich war überzeugt, dass ich diesen Fluss von der Laguna Mucuji aus gesehen hatte. So stampfte ich mit meinen Schmerzen weiter (ich war übrigens inner 30min 500Höhenmeter hinutergekrakselt), hoffte, bald etwas wiederzuerkennen. Aber ich hatte kein Glück: der Weg verlor sich bald ganz, ich musste wieder einmal durch Sumpf waten und nach einer Stunde kam es mir doch sehr merkwürdig vor, dass ich noch immer nicht an der Ausgangslaguna angekommen war. So erklomm ich die Talwände, denn da oben musste irgendwo der Weg sein. Aber ich manövrierte mich immer tiefer in einen Wald und fand überhaupt keinen Weg mehr, nicht ein mal mehr Fussspuren oder Pferdeäpfel. Irgendwann stand ich plötzlich zwischen einer Mutterkuh und ihrem Kalb. Die Mutterkuh beobachtete mich gespannt und richtete ihren gehörnten Kopf auf mich, Sie kam auf mich zu. Ich bekam einen kleinen Panikanflug und lief so schnell ich konnte richtung Unterholz, weg vom Kalb. Die Kuh liess mich bald in Ruhe, aber mein Adrenalinspiegel blieb noch eine Weile oben. Dann begegnete ich plötlich einer Herde freier Pferde, keine Ahnung ob es in Venezuela noch wilde Pferde gab, auf jeden Fall beeilte ich mich auch da, möglichst schnell wegzukommen. Bald musste ich anfangen, über Baumstämme und unter ihnen hindurch zu klettern, manchmal Bäche überqueren. Ich hoffte immerzu, da vorne gleich einen Pfad zu finden, aber ich hatte mich ganz offensichtlich böse verirrt. Nach weiteren 2h hörte ich Strassengeräusche: Zivilisation! Ich eilte darauf zu, dachte, gleich hinter dem nächsten Baum müsse die Strasse sein. Aber zuerst musste ich noch einen Fluss überqueren und dann nochmal ca. 1h den Berg hinauf schleichen. Auch mein Hüftgelenk machte mir merklich zu schaffen. Für eine halbe Stunde oder sogar mehr, hielt ich den Daumen raus, damit ein Auto stoppte. Irgendwann hielt einer und nahm mich mit bis vor die Tür der Posada. Was mir wieder aufgefallen war: es war nicht etwa ein wohlhabender Mensch gewesen, der mich mitgenommen hatte, sondern bestimmt einer der ärmsten… Ich wollte nichts wie weiter, ich musste heute noch einen Bus erwischen, um bis nach Maracaibo zu gelangen.

Ich erwischte ein Collectivovan, der nur bis Timote fuhr, dort musste ich in einen anderen Collectivovan bis nach Valera. Auf dem Weg gab es allerdings einen Erdrutsch, was einen 1h-andauernden Stand-Stau verursachte. Hier in den Bergen gab es grundsätzlich wahnsinnig viele Erdrutsche: ich bewunderte die Leute, die den Mut hatten, hier oben zu leben, wo jederzeit eine riesen Erdmasse runterdonnern konnte. Die Strassen konvertierten ab und zu in Flüsse und im Van sass eine Frau, die meinte, sie könne singen: ihre Stimme schmerzte übel in meinen Ohren und sie traf keinen Ton… In Valera erfuhr ich, dass mittlerweile keine Busse mehr fuhren, also musste ich ein Collectivtaxi nehmen. Es war ein teurer und erschöpfender Tag…



Mérida – Andenfeeling & Heimelifeeling

17 05 2012

Mit einigen Stunden Verspätung kamen Michael und ich in Mérida an. Als erstes mietete ich ein Handy (ja das kann man in Venezuela an jeder Ecke tun) um die empfohlenen Hostels aus Michaels Lonelyplanet abzuchecken. Schlussendlich nahmen wir aber doch einfach ein Taxi und liessen uns ins Hotelquartier bringen. Dort fanden wir ziemlich schnell heraus, dass Mérida einen ganz anderen Standart als der Rest Venezuelas hatte 😀 Die Häuser waren alle samt gut in Stand, dazu noch sehr schön, ja sogar stylisch! Das Hostel in dem wir blieben bestand praktisch nur aus Steinen und Holz, also wirklich bergige Bauart 🙂 So verbrachte ich den ersten Tag fast nur im Bett. Wir gingen zwar kurz raus um zu essen (Chinesisches Chop Suey mit Shrimps) und erkundeten in Minuten das Stadtzentrum, aber danach durfte ich an Michaels Computer Filme schauen. Michael war während dieser Zeit fleissig und erkundigte sich bei den Touranbieter, was es für hier Sportarten im Wasser und in der Luft gab. Am Abend überzeugte er mich sogar noch, mit ihm und einigen Engländern, welche er kennengelernt hatte, auszugehen. Aber ich fand diese Leute so etzend langweilig (wegen ihrer jungfräulicher Reisegespräche) und ich war sooooo elend müde, dass ich nach etwa 1h alleine zurück ins Hostel zottelte.

Am nächsten Tag meldeten wir uns für’s Paragliding an, aber das fiel wegen dem Regen ins Wasser – zu unserer Freude. Denn als die Zeit so dahinschlich merkten wir, wie faul wir gelaunt waren. Also las Michael sein Buch und ich schrieb den ganzen Morgen an meinem Blog. Danach gingen wir wieder ins Touroffice um für morgen etwas zu buchen, allerdings war es mir entweder zu teuer, zu lange oder zu langweilig oder aber ich konnte es wegen meiner Knie nicht riskieren (diese waren immer noch geschwollen und taten bei jedem belasteten Schritt weh). So entschied ich mich für Canyoning und Michael schloss sich den Engländern für eine Bootstour auf einen See an, wo sie Gewitter beobachten und in einer Pfahlhütte schlafen würden. Ich hatte für mein Leben genug fantastische Gewitter von meiner Amazonasbootstour aus gesehen. Am späteren Nachmittag schlenderten Michael und ich nomals ins Zentrum, wir wollten ein Eis bei der berühmten über-200-Geschmäcker-Heladeria kaufen, allerdings hatte diese geschlossen. So begnügten wir uns mit einem nicht-berühmten Eis und einigen Ballen Papas Reillnadas (eine columbianische Spezialität), von denen wir beide süchtig wurden. Ich shoppte noch um die Wette, kaufte mir neue Unterhosen (denn meine hatten die vielen Handwäschen nicht gut überstanden) und eine neue Handtasche (meine uralte, beige, treue Lieblingshandtasche war nun leider definitiv am Ende). Am Abend gingen wir wieder aus, diesmal aber mit der ganzen Crew von Tourguides und einigen anderen ausländischen Leuten, die hier in Mérida arbeiteten. Es war spannend sich so durch die Geschichten zu hören; der eine war aus der USA, arbeitete seit einem Jahr als Tourguide und war absolut pleite. Ein anderer (Franzose) war schon seit 2 Jahren unterwegs und hatte sich in Columbien und Chile verliebt, wollte dort irgendwann ein Hostel aufmachen. Allerdings hatte auch er kaum Geld mehr, arbeitete im Moment als Französischlehrer, musste aber vermutlich bald heimkehren aufgrund Geldmangel. Dann gab es da noch einen dicken, alten Engländer, der für Finanzmagazina über die Columbianischen Geschäfte und Finanzwelt schrieb. Er berichtete, dass er sehr gut verdiene, aber als Michael ihn fragte, ob es ihm denn gefalle, kam da keine überzeugende Antwort zurück… Nachdem zwei Mädchen angefangen hatten, ihre Ärsche mit gekonntem Salsa zu bewegen, wollte mich ein Guide zum Tanzen auffordern, aber ich war so müde (es war gerade mal 9), dass ich ihm einen Korb verpasste und meinen Abgang anmeldete. Michael trank noch sein Bier fertig, kam dann aber auch mit mir.

Am nächsten Morgen reiste Michael mit den Engländern ab, ich schlenderte den Tag in der Stadt herum oder schrieb an meinem Blog weiter. Skypete ein bisschen in der Welt herum und schaute zum Schluss noch einen Film. Oder zwei… Ich lernte auch noch eine interessante Holländerin kennen: sie war vor  Jahren in diese Hostel gekommen – als Reisende in einer Gruppe – und hatte sich sogleich in den hiesigen Tourguide verliebt. Mit ihm war sie mittlerweilen verheiratet, lebte hier und gerade waren sie dabei, nach einer Unterbrechung ihr eigenes Touristenbusiness wieder aufzunehmen. Sie war 24, also damals 19, genau wie ich jetzt… Hach, was für ein Glück die Liebe des Lebens so früh zu treffen, zu heiraten, etc.!

Noch ein kleines Thema das mich in Mérida „beschäftigte“: als ich mit Michael herumgewatschelt war, hatte ich ihm gegenüber bemerkt, wie froh ich war, dass man mich hier nicht mehr so non-stop anbagerte. Hier glotzten die Männer, vielleicht sagten sie auch holla mi amor, aber sie fassten einem weder an, noch liessen sie respektlose Geräusche oder Sprüche fahren. Allerdings belehrte mich dieser Tag ohne Michael eines besseren: es war übel! Ein Guide fasste mir einfach „versehentlich“ an die Brust, andere riefen all ihre Freunde zusammen, um mich dann gemeinsam anzustarren oder mich zu irgendwas einzuladen. Echt lästig…

An letzten Tag schaffte ich es dann endlich, in die Record-Heladeria zu gehen, ich konnte kaum fassen was es da alles gab! Fleisch, Fisch, Käse, ich werde die Fotos hochladen, die das beweisen. Es war verrückt!!! Ich beschränkte mich auf ein Sangria-Eis, das mir allerdings bei der ersten Ecke vom Cornet auf den Boden fiel. Naja, lecker haben die paar Schlecker, die ich bis dahin gehabt hatte, auf jeden fall geschmeckt 😉 Gleich darauf nahm ich den Bus nach Apartaderos, das höchste Dorf in ganz Venezuela.



Caracas – grosse Stadt, kurzer Besuch

14 05 2012

Nur zwei Tage verbrachte ich in der Millionenstadt Caracas, Hauptstadt von Venezuela. Und trotzdem kannte ich schnell das Zentrum, wanderte zu Fuss durch die halbe Stadt, fuhr mit dem Metro durch die gesamte Stadt, probierte jenste Speisen, fand ein Lieblingsrestaurant, sah zwei Konzerte per Zufall und besuchte den Stolz Caracas: Nationalpark und Berg namens Ávila mit der Gondel. In diesen zwei Tagen schlief ich überdies in einer Wohnung, einem Hostal und einem heruntergekommenen Hotel… Ich traf eine weitere sehr interessante Persönlichkeit und lernte vermutlich meine Traum-Hunderasse kennen.

Fangen wir dort an, wo ich im letzten Artikel aufgehört hatte: am Morgen nach meiner notfallmässigen Nächtigung in der Wohnung von Juans Eltern, suchte ich mir im Internet zwei günstigere Bleiben aus hostelworld heraus. Die erstere, die deutlich besseres Rating hatte, befand sich mitten im Kuchen, und so stieg ich bald in die Metro, Richtung Zentrum. Ich fand das Hostal mit viel Glück sehr schnell. Michael – den ich bald darauf kennen lernte – hatte zwei Stunden lang gesucht, und dies im Regen. Ich fragte einen Türsteher vor einem einschüchternden hohen schwarzen Gebäude, ob er das Hostal kenne, er lachte und erklärte, dass er der Türsteher des Hostals sei. Ich wurde in den Lift verfrachtet, fuhr hinauf un stürmte hinaus in den Gang. Ich stürmte weiter zum Eingang des Hostals – ich musste oberdringend auf die Toilette (seit Roraima hatte ich eine schmerzfreie Blasenentzündung, sowas in der Art, auf jeden Fall schienen meine Blasenmusklen kaum zu taugen…)! Es war mir ein so dringendes Anliegen, dass ich anstelle einer Begrüssung direkt nach der Toilette fragte. Als ich wieder herauskam, erwartete mich eine heisse, leckere Schokoladenmilch, bzw. Schockolade mit etwas Milch. Und ich erkannte, dass ich mich nicht in einem gewöhnlichen Hotel oder Hostal befand, nein, es war eine stinknormale Wohnung. Etwas misstrauisch nahm ich Platz. Der überschwänglich nette Gastgeber erklärte mir wie alles lief: er zeigte mir als erstes Fotos von ALLEN, die schon in diesem Hostal genächtigt hatten, ganze Wände nahmen die geprinteten Bilder ein. Dann legte er mir ein Handy mit Aufladegerät vor die Nase und meinte, das stelle er jedem seiner Gäste gratis bereit, bzw. sei im Preis inklusive. Die Küche stehe jederzeit zur Verfügung, mitsamt Eisspuckendem und Crasheisproduzierendem Kühlschrank. Die Bettwäsche und das Handtuch sei ebenfalls gestellt und werde jeden Tag gewechselt, dazu bekam ich eine Schatulle mit einer neuen Körperseife. Es gab nur zwei Zimmer wobei im einen nur ein Doppelbett stand. Dieses gehörte mir allein für diese Nacht. Im andern Zimmer hauste ein älterer Brasilianer (grosser und schneller Reisender, der nur in Monologen konversieren konnte, wie ich später erfuhr) und ein junger Amerikaner (der erst nach mir ankam, Michael, wir freundeten uns an). Der Gastgeber selbst, war von Argentinien, was ich zu meinem Pech immer wieder vergass. Er und seine Frau hatten dieses Hostal erst vor acht Monaten eröffnet. Am Ende nannte er mir schliesslich den Preis – und ich fiel fast vom Hocker: 40Dollars! Soviel hatte ich während meines ganzen Lebens noch nicht für ein Hostel bezahlt, schon gar nicht in Südamerika… Es war mir in dem Moment egal, ich war noch zu erschöpft von dem ganzen Roraima-Trekking, der Autopanne und dem wenigen Schlaf. Ich lernte auch bald die Hündin Caissy kennen, eine Ankita (japanische Hunderasse). Er zeigte mir, was er ihr alles beigebracht hatte, und ich war hingerissen. Sie war offensichtlich hoch intelligent, ein insgesamt ruhiges Wesen, trotz ihres Alters und treu bis an die Flossen… So einen Menschen sollte man mal finden, pha!

Ich war am bloggen und Emails beantworten, als Michael pitschnass ankam. Meine Frage „Und was machst du? Studierst du, arbeitest du?“ stiess auf eine äusserst ungewöhnliche Antwort: „Ich bin Fischer in Alaska!“ Ja, richtig gehört. Er arbeitete nur 6 Monate im Jahr, in diesen jedoch 6 Tage die Woche a 16 Stunden pro Tag. Dabei befand er sich jeweils 3 Monate abgesondert von jeglicher Zivilisation mit ein paar anderen Männern, die alle gemeinsam nach einiger Zeit verrückt wurden. Die restlichen 3 + 3 Monate verbrachte er entweder zu Hause in Seattle (wo er aufgewachsen war und seine Familie hatte) oder aber meistens auf Reisen. Ich würde meinen, er ist in mehr Ländern gewesen als ich, allerdings immer nur sehr kurz, ohne Sprachkenntnisse und somit ohne grösseren Kontakt zu Nicht-Touristen. Auf jeden Fall war es eine sehr spannende Bekanntschaft und weitaus zwangsloser und ausgeglichener als meine Zeit mit Fabricio oder Anna. Wir gingen noch am selben Tag gemeinsam an ein Konzert, das direkt vor der Tür stadtfand. Es war eine Solo-Flamenco-Darbietung eines spanischen superheissen Typen. Am Ende warf er sogar sein Jacket über die Bühne… 😛 So stellte ich mir nun meine spanischen Grosseltern vor, wie sie einander auf der Bühne durch temperamentvolles Flamenco-Gestampfe anflirteten 😀 Es war das erste Mal, dass ich eine Flamenco-Aufführung gut fand – und zwar richtig gut!

In dieser Nacht erhielt ich dann betrunkene SMS von dem Gastgeber, der mir offerierte, meine geschwollenen Beine zu massieren. Dann meinte er, ich könne ja auch in seinem Bett schlafen. Sogar am nächsten Morgen – trotz unbeantworteten SMS – meinte er, ich könne wenn ich wolle in seinem Bett weiterschlafen (ich war schon um 6 Uhr aufgestanden um weiterzubloggen)… Ich fand das so unangenehm (er ist übrigens verheiratet!), dass ich entschloss, mir noch am selben Tag eine neue Bleibe zu suchen, auch wenn es nur für eine Nacht sei. Michael beschloss dies ebenfalls zu tun, und so machten wir uns auf den Weg. Wir fanden ein supergünstiges Hotel ganz nah beim Zentrum und supernah bei meinem geliebten Chinesenrestaurant. Zweimal ass ich dort Chop Suey mit Crevetten (Frittiertes Gemüse). Danach konnte ich immer bald auf die Toilette 🙂 Das Hotel stellte sich – als wir schon bezahlt hatten – als wasserlos heraus: es hatte zwar eine Dusche und ein Lavabo sowie Toilette, aber das Wasser war wohl ausgegangen. Ab und zu kamen für ein paar Minuten Wasser, sodass ich es in Eimern sammeln konnte, um schliesslich doch noch vor der Abreise am nächsten Tag zu duschen. Die Tür des Zimmers liess sich nicht schliessen, und ein anderes wollten sie uns nicht geben. Wir waren beide höchst misstrauisch, so nahmen wir unsere Wertsachen einfach immer mit und hofften, dass unsere Kleider noch da wären, wenn wir zurück kamen.

Genau bei Sonnenuntergang besuchten wir mit der Gondel den Ávila, allerdings hatte es dann genau auf dem Top eine bösartige Wolke, die sich eiskalt und komplett sichtraubend auf dem Gipfel niederliess. So konnten wir die Aussicht nur von der Gondel aus geniessen und machten keine grössere Erkundungstour – ich war in Minishorts und einem Minitop hergekommen und die Leute um mich trugen Handschuhe, Schal und Mütze… Ich trank eine Schokolade, wie ich sie noch nie geschmeckt hatte: sie war so dermassen dickflüssig und abartig, dass ich mich zu jedem Schluck überwinden musste, obschon der schwarze-Schokolade-Geschmack nicht schlecht war. Auf unserer Erkundungstour durch die Stadt assen wir zudem eine venezuelanische Spezialität (keine Ahnung wie sie heisst): grüne Mango mit Salz, Pfeffer, Limone und Essig. Der erste Bissen ist schwindelerregend, aber bald schon ist man der Sucht erlegen… 🙂 Auch eine Art Fladen probierten wir, eigentlich mit Schinken und Käse, für mich aber natürlich ohne Käse, was ihn gleich halb so teuer machte. Die Fladen heissen Cachapas.

Ach übrigens hatte ich im Hostal meine gesamte Wäsche gewaschen: alles kam bläulich zurück. Da kann man nix machen :-/

Am Tag unserer Abreise fanden wir dann heraus, dass ein Pferderennen in Caracas stattfand: ich musste dahin – und Michael kam gleich mit. Zu unserer positiven Überraschung war das Rennen absolut gratis. Man durfte sein Geld in Wetten verpulvern, aber darauf verzichteten wir vernünftig als Reisende. Es war deutlich weniger spektakulär und spannend, als ich erwartet hatte: ich hatte gedacht, die ganze Luft müsse durch die Spannung der Zuschauer elektrisiert sein, dass Getose bis in den Himmel zu hören sei und dass ich vom Rennen selbst absolut gefesselt sein würde. Ich war allerdings echt gelangweilt und die Leute schienen sich nur ganz am Ende eines Laufes für die Pferde  – bzw. den Gewinner zu interessieren (diese Leute waren keine Pferdenarren, es waren alles nur Lottospieler)…

Im Metro zum Busterminal ereignete sich eine Starrpartie: Michael und ich machten uns schon den ganzen Tag auf die Gegenübers aufmerksam, die uns ins Auge stachen, und als ich einen Typen beschrieb, drehte er sich um und wir warfen uns immer wieder Blicke zu, bis wir uns einfach – ich sollte im Blog etwas gemässigter schreiben, aber ich schreib’s jetzt trotzdem – hungrig anstarrten! Ich muss sagen, für meinen Geschmack hat Venezuela reichlich mehr zu bieten als Brasilien (zumindest vom visuellen her)… Die Story endete schnell, ich musste aussteigen. Der Typ machte einige Schritte auf die Tür zu, blieb dann aber doch im Metro, zu meinem Enttäuschen. Die Starrpartie dauerte bis die Metro im Tunnel verschwand… 😉

Im Busterminal wollten Michael und ich unsere Bäuche füllen, um die lange Reise gut zu überstehen: ich holte das Essen für Michael (er MUSSTE ja schliesslich die venezuelanischen Spezialitäten kennenlernen); Arepa und Empanada mit dieser herrlichen Sauce, und für mich holte ich einen Teller mit Reis, Bohnen (ala Brazil, ich vermisse sie schon), ein bisschen Gemüse und Fleisch. Im Fleisch versteckte sich ein Stein, der mir gegen Ende des Essens Stücke der beiden Backenzähne abbrach und vielleicht den oberen ganz brach (bisher war ich noch nicht beim Zahnarzt, es ist auf jeden Fall schmerzhaft). Dies war mein Besuch in Caracas xD



Von San Francisco nach Caracas

14 05 2012

Am selben Abend als wir vom Roraima runterkamen, nahm mich das französischsprechende Pärchen noch „kurz“ mit nach Santa Elena. Sie mussten tanken, Bargeld abheben und etwas Essbares einkaufen. Ich hatte vor mich an letzterem zu beteiligen. Sie hatten mir am selben Tag offeriert, mit ihnen mitzufahren bis wo auch immer ich es wünsche. Sie wollten auf alle Fälle nach Caracas. Ich war für diese Mitfahrgelegenheit natürlich sehr dankbar: erstens war es sicher spannender als eine weitere Busfahrt, zweitens günstiger und drittens schneller. Tatsächlich traf im Endeffekt nur ersteres zu, aber dieses in höchster Form…

Wir fuhren also nach Santa Elena um herauszufinden, dass dort beide Tankstellen geschlossen waren. Grund: Das Benzin an den Grenzen ist rationiert worden, da es sehr viele Brasilianer gibt, die nur nach Santa Elena fahren, um zu tanken. Genauso an allen anderen Grenzorten und in den grenznahen Orten. Hierzu eine kleine Ausführung: das Benzin in Venezuela ist spottbillig. Für ZWEI Bolivar (25Rappen) kann man hier einen Volltank machen (40Liter)! Okay, das ist nun also die Grundlage des Problems: somit kommen die Leute von ausserhalb um Benzin zu „klauen“, wie es die Venezuelaner nennen (allerdings sieht das in meinen Augen nicht danach aus, denn überall ist bei den Tankstellen Militär positioniert, welches es nicht im Traum krazt, dass Tonnen von Benzin täglich das Land verlassen). Ein weiterer Punkt: ich sage ganz aus dem blauen heraus, dass etwa 50% der venezuelanischen Bevölkerung irgendwie im Zusammenhang mit Benzin arbeitet: Militär an den Tankstellen, Militär als Strassenkontrollen, Tankstellenangestellte, Benzinhändler (diese stehen jeden Tag Stunden an, um Benzin zu tanken, es zu Hause in einem Kanister anzusammeln und es dann, sobald die Tankstellen geschlossen haben, an Notdürftige zu verkaufen – für den 50fachen Preis, kein Scherz!), Erdölförderer und natürlich praktisch die ganze Oberschicht, die das Erdöl besitzt oder mit ih handelt. Um es deutlicher zu machen: wenn der Erdölpreis steigt, kollabiert das ganze System, das ganze Land fällt in sich zusammen. Und wie wir wissen, ist dies nur eine Frage der Zeit. So ist also Venezuela über kurz oder lang dem erdölischen Untergang gewidmet. Was diese Theorie unterstützt ist der Fakt, dass die Venezuelaner mehr oder weniger die gesamte Landwirtschaft aufgegeben haben. Sie haben gutes Land mit viel Humus, aber als das Erdöl entdeckt wurde, konzentrierte sich auf ein Mal die gesamte Arbeitswelt auf Benzin, und so verkümmerten die Äcker… Ein weiteres Detail, das ich hier erwähnen will: es bilden sich täglich Schlangen vor den Tankstellen, wie wir sie uns in Europa schlicht und eifach nicht einmal vorstellen können! Dazu hat der Verkehrsstau einen ordentlichen Platz im Leben der Venezuelaner: für jeden Schritt nimmt man den Wagen (denn es ist ja so gefährlich), wenn ich nur eine Orange einkaufen will, muss mit ein paar Stunden Stau rechnen, auch wenn die Orange gerade um die Ecke wartet. Die Tankstellenschlangen können ebenfalls ganze Staus verursachen. Es ist unbeschreiblich… Im Übrigen rührt der tiefe Benzinpreis daher, dass bisher kein einziger Präsident sich getraut hat, den Benzinpreis zu erhöhen – und wenn es mal einer versucht hat, dann hat das ganze Volk gegen ihn protestiert. Das Volk scheint kurzsichtig zu sehen und zu denken: wenn die Benzinpreise steigen kann sich nur noch die oberoberober Klasse Autos leisten und der Öffentliche Trasport würde ebenfalls untragbar. Die Löhne kann man natürlich nicht einfach mit Fingerschnippsen erhöhen, also sagt Volk: Benzin muss billig bleiben! Das ist natürlich jetzt alles sehr einfach formuliert und bestimmt fehlen mir einige Perspektiven (ich bin ja nur 1 Monat in Venezuela), aber trotzdem, vielleicht kann man sich so ein bisschen besser vorstellen, wie es mi Venezuela aussieht.

So, fertig Detailausführung, zurück zum Geschehen: wir fragten also in ganz Santa Elena herum, wer Benzin verkaufte, bis ich jemanden fand. Es gab noch weitere Komplikationen und es war ein unagenehmes Tanken, aber schlussendlich hatten wir genug Benzin um zurück nach San Francisco zu fahren und weiter bis zur nächsten Tankstelle. So beruhigte sich schliesslich auch das entnervte französischsprechende Paar (Juan, ursprünglich aus Caracas, studierte aber Bauingenieur in Frankreich und arbeitet jetzt in Deutschland – und – Elise (?), aus Frankreich und doktoriert gerade in Paris für französische Literatur), also machten wir unsere Einkäufe: ich kaufte ganze 3 riesen Tüten voll Gemüse und Früchte (die ganze Pasta-Tun-Arepa-Geschichte stand mit bis zur Nase) für 100Bolivar (12.50 CHF), dazu einen Rüeblischäler und ein praktisches Tupperware, Wasser. Zurück in San Francisco machten wir aus, dass wir am nächsten Tag schon um 5Uhr LOSFAHREN würden, was wir auch tatsächlich zustande brachten. Das Gepäck passte war kaum in den kleinen weissen Käfer, aber schon bald rasten wir Richtung Caracas.

Bis kurz vor Stadt Guayana (die aus einer „modernen“ und einer alten, armen Stadt bestand), entschied ich mich, dort nicht auszusteigen und wie gedacht, einen Bus nach Stadt Bolivar zu nehmen, nein, ich nahm das Angebot an, bis nach Caracas mitzureisen. Ich lud sie zum Essen ein (für 22CHF was mit links für eine Busfahrt gereicht hätte), und kaufte auch sonst unterwegs andauernd Verpflegung (wie zum Beispiel Empanadas de Carne molida, in die ich mich sogleich verliebte, dazu eine phänomenale Tartarsauce). Gegen Dämmerung erfuhr ich dann, dass sie bis nach Caracas DURCHFAHREN wollten. Ich hatte gehofft, dass wir irgendwo halten würden um zu schlafen, unsere mitgenommenen Glieder zu erholen und etwas Rechtes zu essen und natürlich auch, damit ich wenigsten ein bisschen was von Venezuelas Mitte sah, aber nichts da. Ich finde allerdings, dass es das allemale Wert war: ich erfuhr viele Dinge über Venezuela, die wohl nur ein kritischer, ausgewanderter, intelligenter Venezuelaner preisgeben konnte und wir hatten alle drei sehr interessante Diskussionen über alles mögliche von Weltliteratur über Reise bis hin zu Weltphilosophien. Zum Beispiel erfuhr ich, wo die Komplikationen mit den Banken lagen, sowohl für Ausländer als auch für das Volk: wie ich es schon über Argentina gehört hatte, wurde auch hier nicht erlaubt, dass Geld aus Venezuela herausgeschickt wurde, noch dass man im Land Bolivars gegen Dollar tauschen kann. Zudem ist das Maximum, das man pro Tag von seinem Konto abheben kann auf zwischen 600-800 Bolivars beschränkt (75-100CHF). Also stellt man sich einmal vor, man wolle reisen, man wolle ein Auto kaufen oder man müsse eine 10köpfige Familie ernähren – schlicht und einfach nicht möglich! Also entweder hortet man das Geld in Cash, was in Venezuela sicher nicht gerade schlau ist, oder aber man muss fanatisch alles Ausgaben planen. Ich weiss nicht, wie es ist, wenn man mehrere Konton bei verschiedenen Banken hat, ob dies eine Lösung wäre, aber ich bin sicher, dass es auch da grössere Hürde gibt, sonst hätten das ja wohl schon alle Venezuelaner herausgefunden. Und das mit dem offiziellen und inoffizielle Kurs ist also daher möglich und damit begründet, dass es so unfassbar schwierig für Venezuelaner ist, an fremde, starke Währungen heranzukommen. Das ist zumindest ein Teil der Erklärung…

Nun denn, es war schon tief schwarz, als ich von einem lauten Knall und gefolgtem ebenso lautem Fluchen geweckt wurde. Ich war zunächst höchst verwirrt, aber wie uns allen bald bewusst wurde, war uns ein Reifen geplatzt. Wie sich gleich darauf herausstellte, waren es in Wirklichkeit ZWEI Reifen, die da geplatzt waren, und das auf der selben Seite. Ich hatte ja schon viele jugendliche, grenzenlose und wilde Fahrstile gesehen, aber der Fahrstil des Caraceños hatte mir tatsächlich etwas Bange bereitet und ich hatte mir schon ausgemalt, wie mir mitten in der Pampa direkt neben der Autobahn ein Camp aufschlagen müssen… Juan wechselte meisterhaft den zerstörteren Pneu, aber schon nach 15minütiger elendlangsamer Weiterfahrt war das Eiern so stark, dass wir anhalten mussten. Juan rief – wieder komplett entnervt – die Versicherung an. Die teilten mit, dass sie für einen Abtransport nach 24.00Uhr und vor 7.00Uhr nicht aufkommen würden. So rief Juan seine Eltern aus dem Bett. Diese sprangen sogleich aus dem Bett und fuhren mit ihrem Wagen auf uns zu: wir waren nur noch etwa 40km von Caracas entfernt, als wir bei einer unheimlichen Lastwagenraststette anhielten, um auf Juans Eltern zu warten. Ich fragte mich, ob ich in den letzten Tagen immerzu die Zukunft vorhergesehen hatte, oder ob ich drauf und dran war, durchzudrehen. Naja, auf jeden Fall dachte mein Gehirn – ganz spirituell – es müsse wohl einen tiefgründigen Grund geben, weshalb die Reifen geplatzt waren. Und so verbrachte ich tatsächlich die gesamte Zeit in einer merkwürdig stillen Euphorie. Und wenn man diesen tiefgründigen Grund umbedingt sehen muss, taucht er natürlich auch auf, gerade im Doppelpack: ich hatte während einem grossen Teil der Fahrt an meine Katze in Ecuador gedacht, hatte mich selbst dafür geschellt, sie einfach dort zurückgelassen zu haben. Ja, ich war damals ein machtloses Kind gewesen, dennoch hätte ich vielleicht mit genug Gequängel meine Mutter davon überzeugen können, sie mit in die Schweiz zu nehmen. Wie dem auch sei, an der Lastwagenraststette wartete eine schwarze abgemagerte Katze auf mich. Und wie es der Zufall so wollte, hatte ich durch Missverständnisse zu viel Schinken gekauft. Also teilte ich mein Essen mit der Katze. Ich überlegte, ob ich vielleicht so interessiert an „Tierhilfe“ war, weil ich irgendwie mein Gewissen beruhigen wollte… So, der zweite „Zweck“ dieser Panne war wohl der, dass die Eltern von Juan mir prompt anboten, bei ihnen zu bleiben – das sei doch wohl klar. Ich hatte vor Sonnenuntergang mit Juans Handy versucht ein nicht zu teures Hotel zu finden – was kläglich misslungen war. Entweder sprengten die Preise mein Budget mit Stolz, oder aber sie waren komplett ausgebucht… So hatte ich nun also eine gratis Bleibe mit „Abholservice“ und netten Leuten. Die Eltern Juans entpuppten sich als Oberklasse von Caracas (wie sie zu diesem Vermögen gekommen sind ist mir nicht klar, sie sind beide gebildete Professoren, aber davon wird man nicht reich, oder doch?) und waren beide sehr sympatisch! Als ich nach dem Frühstück das Geschirr spühlte nannte mich der Vater einen „Model-Gast“… Die Wohnung war in einem sicheren Viertel, etwas ausserhalb des Zentrums und mit viel Geld gekauft und ausgestattet. Dies war also meine erste „Nacht“ (erst um 3Uhr morgens kamen wir dort an) in Caracas 🙂



Roraima

8 05 2012
Mutter macht Arepa

Mutter macht Arepa

Negrita

Negrita

Rucksack meines Guides

Rucksack meines Guides

Pemonen-Behausungen

Pemonen-Behausungen

San Francisco:

Die Preise in San Francisco warfen mich etwas aus der Bahn. Von einigen Venezuela-Reisen hatte ich davon gehört wie günstig es sei. Und dann kam ich da an und man verlangte von mir 2600VEF (325CHF) für eine 5tägige Roraimabesteigung, wobei Essen, Zelt und Schlafsack noch nicht inbegriffen war. Dazu kamen nochmals 800VEZ (100CHF) für eine einstündige Autofahrt zum Ausgangspunkt des Trekks! Das machte einen Durchschnitt von 85CHF pro Tag plus Extrakosten und eine Nacht im Hotel. Das sprengte mein Budget und zerstörte meine Hoffnung, in Venezuela endlich ein bisschen Geld sparen zu können. Ich konnte den Preis enorm runterhandeln (1100VEF) aber dann bekam ich nochmals einen Schock bei den Essenspreisen: ich ging mit meinem Guide das Essen für die folgenden 5 Tage einkaufen. Es gab keine Gemüse und keine Früchte, nur Pasta, Brot, Tuna und Suppenpäckchen. Für das essen gab ich nochmals 300VEF aus und dazu noch Zelt, Schlafsack und Kocher für weitere 200VEF. Unterwegs mussten wir bei einem „Camping“ noch weitere 100VEF bezahlen und 100VEF als Trinkgeld für meinen Guide am Schluss des Trips plus 1 Nacht im Hotel. Das macht im total einen Tagesdurchschnitt von 47.5 CHF. Ganz okay 🙂

Allerdings kam mit diesen Preisen mein nächstes Problem angesegelt: ich hatte bloss 100Dollars gewechselt, also musste ich jemanden in San Francisco finden. Das war eine Herausforderung. Ich wandelte bestimmt eine Stunde durch die Gemeinde und fragte jeden dritten Menschen, dem ich begegnete. Nun, schliesslich fand ich jemanden und mein Problem war gelöst. Auch die Zeit war ein Ding für sich: ich war am nächsten Morgen überzeugt, dass in San Francisco alle Uhren falsch gingen, denn als ich um halb 6 auf meinen Guide wartete, meinte sein Vater, ich sei eine halbe Stunde zu früh! Eine HALBE Stunde?? Haha, das war nun aber wirklich nicht möglich! Der Vater meinte dann sogar, ich sei so dämlich, dass ich nicht wisse, dass zwischen der Schweiz und Venezuela ein Zeitunterschied bestehe. Wie ich später erfuhr, hatte Venezuela seinen ganz eigenen Kopf: Venezuela hielt sich nicht an die Normalität sondern hatte als Extrawurst eine HALBE Stunde Zeitunterschied zum Rest der Welt!!! Ich konnte es kaum fassen und lachte mich kaputt.

Die wunderhübsche, abgemagerte Hündin, folgte uns Stunden

Die wunderhübsche, abgemagerte Hündin, folgte uns Stunden

das war erst der Anfang :-D

das war erst der Anfang 😀

Ameisen-Schloss-Eingang

Ameisen-Schloss-Eingang

1. Tag:

Als ich am nächsten Morgen auf meinen Guide wartete, kochte mir dessen Mutter einen echt guten Kaffee, während ich den Geschichten des Vaters lauschte. Er stellte mir hoch stolz das Buch über SEINE Vorfahren vor, das 2011 von der Regierung recherchiert und gedruckt worden war. Es behandelt die Geschichte der Pemones, bzw. des Stammes Taurepanes, wie sie früher gelebt hatten, wo sich ihre Siedlungen befunden hatten, was ihre traditionelle Ernährung war; nämlich hauptsächlich der Moriche-Palmen-Wurm und andere Bestandteile dieses Baumes. Es war spannend ihm zuzuhören, auch als er gewissermassen über die neue Entwicklung ablästerte: die neue Generation seien keine echten Indianer mehr, sie kennen nur das moderne Leben und wollen studieren und die Gemeinde verlassen, anstatt für die Gemeinde zu arbeiten, indem sie zum Beispiel Ackerbau betrieben oder Kunsthandwerk erlernten… Eine weitere lustige Ansicht des alten Mannes, der in meinen Augen stark seine Kultur verkörperte: als ich bemerkte, dass ihr Hund grosse Angst vor mir hatte meinte er: „Ja, du bist eben weiss, und die Hündin heisst Negrita (Schwarze), daher hat sie Angst vor dir…“ Naja, ich hoffte, er würde diesen Satz gleich als Witz erklären, aber er meinte es todernst…

Die Fahrt nach Paraitepui war interessant: ich bekam erste Eindrücke der venezuelanischen Landschaft, die mir deutlich mehr imponierte als die brasilianische – soviel konnte ich gleich sagen. Es waren Weiten, wie mein Auge sie vermisst hatten. Auch hatte ich ein Gespräch mit meiner Fahrerin: Sie hatte ihren Mann am 5.März dieses Jahres verloren (der Tod ist eben überall, nicht wahr?), sie hatte seither seine Arbeit vollständig übernommen. Sie warnte mich mehrfach vor der Gefährlichkeit Venezuelas und meinte, ich solle auf keinen Fall alleine in die Städte reisen. Noch so eine paranoide Ansicht… Sie bot mir an, mich nach dem Trekk mit in die nächste grosse Stadt mitzunehmen, aber ich vermutete wage einen Preis dahinter… Als das Thema dann auf die Schweiz fiel und ihr erster Satz darüber ungefähr so lautete „Da ist alles voll Schnee, oder? Alles weiss, nicht? Das ist ja furchtbar langweilig! Kein Wunder dass du abhaust!“ begann ich doch tatsächlich, die Schweiz zu verteidigen! Ich versuchte ihr beizubringen, dass Schnee sehr schön aussieht, wunderschön, und dass ein Land nicht wegen Schnee schlecht ist… Ich versuchte ihr zu sagen, dass es mir um etwas ganz anderes ging, wenn ich ein Land bewertete, die Kälte, die Menschen, blabla. Aber bald gab ich es auf und nickte nur noch.

Die meisten Worte die mein Guide am ersten Tag verlauten liess, lauteten „Hacemos un descanso?“. Viel zu oft fragte er dies für meinen Geschmack! Er rannte und wollte dann hundert Pausen einlegen. Ich wollte lieber gemächlich und ohne Pausen vorwärtskommen, schien mir weitaus schonender, vor allem für meine Füsse… Naja, er überraschte mich bei einer grösseren Pause dann doch sehr positiv: er hatte als Überraschung Poulet und Casaba (hiesiges Indianerbrot) mitgebracht! Dazu assen wir gekochte Eier und tranken Pulversaft von Graviola. Er erzählte mir bald, dass er eigentlich hatte Agronomie studieren wollen, aber da der Bus nach Santa Elena nicht früh genug fuhr, hätte er immer ein Taxi nehmen müssen, und das wäre schlicht und eifach untragbar gewesen. Also hatte er angefangen, als Träger und Tourguide zu arbeiten. In den letzten zwei Jahren allerdings hätte er in den Minen gearbeitet. Dies sei nun also seine insgesamt 18. aber 1. Besteigung seit 2 Jahren.

Es schüttete ab der Mitte des Weges fast konstant, was den Boden wahnsinnig schlipfrig machte. Schon bald krachte ich auch schon das erste Mal zu Boden, landete glücklicherweise nicht sehr schmerzhaft. Eine gebrochene Hüfte hätte mir gerade noch gefehlt! Dann war da die üble Plage der sogenannten Puri-Puri! Meine Beschreibung: elende blutsaugende respektlose durch und durch böse Teufelsbiester!!! Offizielle Beschreibung: winzige Fliegen die sich von Blut ernähren und blutende Löchlein als Bisse hinterlassen.

Im ersten Camp genannt Rio Tek kamen wir nach ca. 5h an. Meine Füsse waren total erschöpft, aber insgesamt war ich mit dem Schwierigkeitsgrad extrem zufrieden. So würde ich 5 Tage bestimmt ohne viel Jammern und mit nur wenig Blatern überstehen. Wir kochten uns Pasta und öffneten dazu ein Glas Bolognese. Da kam eine kleine Gruppe vom Roraima herunter. Es waren zwei Japaner (die ich zuerst beide für Frauen hielt, eine davon war aber ein total abgemagerter Mann), ein schweigsamer Brasilianer und der Guide. Dazu noch ein paar Venezuelaner die sich komplett von unserem gemeinsamen Tisch fernhielten. Ich redete recht viel mit der Japanerin, sie war mir echt sympathisch (auch wenn das „Darf ich ein Foto mit dir machen?“ nicht fehlte), sie reiste insgesamt ein Jahr in Lateinamerika herum, ging als nächstes nach Brasilien. Sie schienen beide ziemlich taff zu sein; hatten um Geld zu sparen die ganzen 7 Tage nur Brot und Tunfisch gegessen! Deshalb also so dünn… Ich wäre schon längst kollabiert, sowohl körperlich als auch mental! Der abgemagerte Japaner ass am Ende wie ein Wolf unsere Pasta-Reste, die wir ihm anboten…

Übrigens zur Tour: Normale Geschwindigkeit ist 7 Tage, allerdings können es die wirklich fitten auch in 4 Tagen machen. Allerdings kann man dann gerade mal hoch um sofort wieder runter zu sprinten. 5 Tage ist immer noch schnell, aber man kann auf dem Top des Roraimas die Welt etwas erkunden, genauso 6. Ab 7 Tagen aufwärts bleibt man dann länger auf dem Top, geht vielleicht bis zum Dreiländereck (Guyana, Brasilien, Venezuela) oder besteigt den höchsten Punkt des Roraimas 2810 m.ü.M.

Casaba-Poulet-Überraschung

Casaba-Poulet-Überraschung

der erste Blick auf Roraima

der erste Blick auf Roraima

Nachbartafelberg Kukenan

Nachbartafelberg Kukenan

Flussüberquerung Nr.2

Flussüberquerung Nr.2

Flussüberquerung gegen Ende

Flussüberquerung gegen Ende

die wunderliche Welt auf dem Roraima

die wunderliche Welt auf dem Roraima

als wäre hier ein Geometriker am Werk gewesen

als wäre hier ein Geometriker am Werk gewesen

Wie mein Guide sagt: wie von Gotteshand wahllos hingelegt...

Wie mein Guide sagt: wie von Gotteshand wahllos hingelegt...

Quarzkristalle wo man hinschaut

Quarzkristalle wo man hinschaut

2. Tag:

Jeder Tag ging gut aus, aber er brachte auch immer eine neue Herausforderung mit sich. Wenn es am ersten Tag die Qual der Wahl zwischen schneidenden Grashalmen oder auf hochrutschigem Schlamm zu gehen, so war es am zweiten Tag die höchste Plage der Puri-Puris! Ich trug Shorts und schon am Morgen beim Geschirrwäschen am Fluss hatten sie mir den gesamten Rücken vollkommen verstochen! Sie trugen dazu bei, dass ich an diesem Tag eine etwa einstündige Strecke alleine und in relativ hohem Tempo zurücklegte. Als das „Rucksacktragband“ meines Guides gerissen war und ich ihm nicht weiter helfen konnte, ging ich alleine voraus. Da ich in ein zirpendes und summendes Gebiet kam, wo es von allen möglichen Insekten nur so wimmelte, lief ich immer schneller den Berg hinauf. Erst als ich in ein Gebiet kam, wo ein kühler Wind wehte machte ich Halt und wartete etwa 20min auf meinen Guide. Er wollte eine lange Pause machen, ich nicht, so ging ich eine weitere Stunde alleine voraus, durch Sumpf und Moor, wo ich mich ein bisschen veriirte und einen Berg im 80-Grad-Winkel hinauf. Danach gingen wir bis zum zweiten Camp genannt Base gemeinsam weiter. Es ging die letzte Stunde nur noch im 80-Grad-Winkel den Berg hinauf. Wir kamen dem Roraima näher…

Übrigens traf ich auf dem Weg noch einen Japaner, den ich in Belem kennengelernt hatte, was für ein Zufall. Und wir überquerten relativ am Anfang des Tages zwei Flüsse, der zweite davon war recht gefährlich… So kamen wir im Camp mit nassen, sumpfgetränkten Füssen und mit fast explodierenden Lungen an. Mein Guide erzählte mir beim Essen von seiner ersten Besteigung, wie er praktisch hinauf gerannt sei (als Träger an der Seite seines Bruders und Onkels), oben angekommen sei ihm dann urplötzlich schlecht geworden, weil er dem heiligen Berg so wenig Respekt gezollt hatte, ihn nicht als heilig anerkannt. Aber oben sei er von seiner Heiligkeit überrumpelt worden. Als er dann ein paar Tage später nach Hause kam, wurde er richtig schwer krank. Die Eltern vermuteten böse Geister, so holten sie die Geister-Magierin, seine Grossmutter. Diese schüttelte über den Enkel nur den Kopf und tadelte ihn für seine fehlende Ehrfurcht. Sie heilte ihn schliesslich mit Kerzen und Rauchkräutern… Als er mit der Geschichte endete, wurde MIR übel! Ich finde solche Gutenachtgeschichten ja schön und gut, aber wenn leute an dieses Gefasel glauben, macht mich das wörtlich krank! Zudem entdeckte ich,dass ich das Indianerbrot Casaba nicht ertrug und vermutlich auch eine milde Allergie gegen Goiaba hatte. Ich rannte nämlich den ganzen Nachmittag und Abend ins Gebüsch, um meinem Durchfall freien Lauf zu lassen.

Einige Stunden später, als wir schon längst im eiskalten Wasser „gebadet“ und unser Lager eingerichtet hatten, erklommen zwei weitere Touristen mit einem Guide todmüde das Camp. Sie sprachen Französisch, allerdings – wie sich später herausstellte – auch Deutsch und Englisch und Spanisch. Wir redeten bis spät in die Nacht hinein, dazu in einem späteren Artikel mehr.

Grabmal: ein überlasteter Träger vielleicht?

Grabmal: ein überlasteter Träger vielleicht?

3. Tag:

Der dritte Tag war ein reines Lungenexplodieren… Zu Anfang machte ich nach jedem fünften Schritt eine Pause, in der ich hechelnd und mit heraushängender Zunge dastand (echt)! Es war komplett neblig und meine Knie begannen zu schmerzen. Zudem hatte ich vom letzten Tag schon an jedem Fuss ein paar Blatern. Nach der Hälfte überkam mich wieder eine ungeheure Motivation, sodass ich meinem Guide vorauseilte und die andere Gruppe überholte. Bei der Unterquerung des Wasserfalls ereilte mich ein neuer Motivationsschub. Ich wusste, jetzt fehlte nur noch eine Stunde. Auf dem Top kam ich alleine an, in vollkommener Stille und in Nebel eingehüllt. Es hatte tatsächlich sehr viel mit einer aus der Vorstellung entsprungenen Urwelt gemeinsam. Man sah kaum 5Meter weit… Mein Guide kam nach ca. 20Minuten auch an, sein „Rucksackbendel“ war wieder gerissen. Noch 10 Minuten über Stock und Stein, die ich nur noch sehr mühsam hinter mich brachte. Dann kochten wir uns eine Suppe, um unsere durchgefrohrenen Körper aufzuwärmen. Danach begann es so stark zu regnen, dass ich entschied, die Roraima-Top-Expedition auf den nächsten Morgen zu verschieben, FALLS es nicht in Strömen regnen würde. Ich wusste, der Abstieg würde der härteste Teil für mich werden, da ich – wie ich bei der Chapada Diamantina Wanderung – dieselben nichtsnutzigen Knie wie meine Mutterr hatte. Und schon an diesem letzten Tag waren meine Knie arg mitgenommen, das linke Knie war schon angeschwollen. Zudem vervielfachten sich meine Blatern zusehends.

Mit meinem Guide war ich halb halb zufrieden. Ich denke für den Preis, den ich schlussendlich bezahlte, war er top. Es war super einfach, mit ihm umzugehen. Er war kein komplexer, komplizierter, gebildeter Mensch, nein, er war einfach nur simpel und machohaft mit liebem Herz. Er konnte mir rein gar nichts über irgendwelche Pflanzen oder sonstigen natürlichen Wunder auf dem Roraima erzählen, nicht einmal zeigen konnte er sie mir, ich entdeckte alles auf eigene Faust. Dafür aber bot er mir einen kleinen Einblick in seine Welt, die eine Kollision zwischen der modernen Welt und der brauchsreichen Indianerwelt war. Ich lernte seine Denkweise kennen: anstatt sich wie ich darüber zu ärgern, dass es in San Francisco nicht – aber auch wirklich rein gar nichts – Gesundes zu essen gab und somit der ganze Trip aus Junkfood bestand, meinte er schlicht „So muss es ebe genau sein! So ungesund, so ist es eben richtig für diese Wanderung!“. Ich fand diese Einstellung irgendwo recht cool: es war die Art Mensch, die sich einfach mit allem abfinden konnte, komme was wolle! Da war auch sein dauerhaftes machohaftes Gehabe mit reichlich Übertreibung in jeder seiner Geschichten, das mich mit der Zeit doch zu ärgern begann. Beispiel: „Weisst du, wenn man dem Ameisenbär den Schwanz abschneidet, dann bäumt er sich auf und rennt davon! Sieh mal, genau so (imitiert)! Weisst du, ich habe das nämlich einmal mit meinem Bruder gemacht! Wir haben zuerst mit dem Ameisenbär gespielt, ihn gezeukelt bis er aggressiv wurde und auf uns losging. Aber wir hatten ja keine Angst, und dann waaaaaaaff schnitt mein Bruder ihm den Schwanz ab!!! Wir waren schon ein bisschen verrückt…“ Ja, da hab ich ihm irgendwann gesagt, er solle sich in Zukunft überlegen, ob ihm das gefallen würde. Und einst wollte er einen Hund kicken, weil er mir mein Essen wegschnappen wollte. Darauf erwiderte ich, dass ich ihn schlagen würde, wenn er den Hund anfasst. Naja, hört sich ja fast schon an, als wäre ich zu einem Schläger muttiert, auf jeden Fall sind in Venezuela schon einige solche Szenen aufgetaucht, die mich in der Meinung bestärken, dass mir Tiere sehr sehr wichtig sind und dass ich Veterinär studieren sollte…

Blater Nr. X

Blater Nr. X

hmpf!

hmpf!

einfach bombastisch - geschwollen

einfach bombastisch - geschwollen

Njammii, Blater UNTEN am Fuss

Njammii, Blater UNTEN am Fuss

geschwollener Knöchel

geschwollener Knöchel an geschwollenem Bein 😛

verstochene Schienbeine

verstochene Schienbeine

Detailansicht aus der Vogelperspektive eines Puri-Puri-Bisses

Detailansicht aus der Vogelperspektive eines Puri-Puri-Bisses

Puri-Puri Teufelsbiester

Puri-Puri Teufelsbiester

4. Tag:

Um 5 liefen wir los, um die Oberfläche des Roraimas zu erkundigen: es gab 3 Attraktionen die in etwas mehr als 2h zu sehen waren: Jacuzzi (eiskalte, glasklare Wasserbecken mitten in der steinigen Landschaft), dann der Aussichtspunkt, bei dem man am Rande des Roraimas stand und die Hälfte des Tafelberges sichten konnte, wenn man mit dem Wetter Glück hatte. Und zum Schluss „la Ventana“ (das Fenster): ein Stein der hoch gefährlich lag und man konnte unter ihm hindurch ins 1000m tiefer liegende Tal blicken. Man hatte dazu eine Aussicht auf die ganze Nachbarschaft an Tafelbergen. Faszinierend, imposant, majestätisch, atemberaubend!

Danach kehrten wir in unser Camp zurück, frittierten Arepa (venezuelanische Spezialität, ganz einfach zu präparien, werde ich bei meiner Rückkehr zubereiten:), dann gings los: auf in die Hölle! Der Plan war bis zum ersten Camp zu kommen, also das waren Tag 2 und 3 in einem und beide davon waren steil wie Kletterwände! Ich hatte mir alles Jammern für diesen Tag aufgespart, aber als dann die ersten richtigen Schmerzen einsetzten, raubten sie mir die Sprache. Ich kann einige Details nennen: an einem Fuss hatte ich am Ende des Tages 9 offene Blatern, am anderen 3 offene und 4 geschlossene, die ich sogleich aufschnitt. Das linke Fussgelenk war schmerzhaft bei jedem Schritt, vermutlich angestaucht. Mein rechtes Hüftgelenk tat beim Aufwärtsgehen so weh, dass ich nur seitwärts, ein Bein hinterherziehen gehen konnte. Die Knie waren beide komplett geschwollen, trotz meiner weise angeschafften Knieschoner. Und nun ein Detail, das echt gruusig ist (lies dies bitte nicht, wenn du dich nicht ab mir ekeln willst!): meine Knie schmerzten so sehr und meine Blase konnte kaum die vielen Getränke zurückhalten, dass ich beim Pinkeln nicht in die Knie gehen konnte und so des Öfteren meine Unterhosen und Hosen vollpinkelte. Danach ging ich jedes mal 20 Minuten den 5minütigen Weg zum Fluss auf und ab, um meine Kleider so gut es ging zu säubern. Es stank allerdings sowieso alles bis in den Himmel und trocknen tat so oder so nichts…

la Ventana

la Ventana

unbeschreibliche Aussicht auf den bestiegenen Roraima...

unbeschreibliche Aussicht auf den bestiegenen Roraima...

berechtigt sagenumwoben und von den Pemones verehrt

berechtigt sagenumwoben und von den Pemones verehrt

der Abgrund zu Füssen

der Abgrund zu Füssen

Jacuzzi

Jacuzzi

Aussichtspunkt: das Tal der Tafelberge

Aussichtspunkt: das Tal der Tafelberge

haust da vielleicht ein Dino um die Ecke?

haust da vielleicht ein Dino um die Ecke?

da sind wir heute runter gekommen...

da sind wir heute runter gekommen...

Kukenan, der kleine Nachbar des Roraimas

Kukenan, der kleine Nachbar des Roraimas

Mein Guide beim Abstieg

Mein Guide beim Abstieg

5. Tag:

Ich wusste nicht, wie ich diesen bewältigen sollte! Da ich am letzten Abend FIX UND FOXI im Camp angekommen war, hatte ich vor lauter Erschöpftheit nicht mehr gedehnt, was ich sonst jeden einzelnen Morgen, Mittag und Abend gemacht hatte (eine Lektion von Anna). So hatte ich nun zusätzlich zu all den Leiden noch höllischen Muskelkater! Ich ging wie ein verkrüppelter Pinguin oder ein steifer Flamingo… Ach übrigens hatte ich am letzten Abend doch tatsächlich in meinem Zeit geweint. Grund dafür war aber nicht hauptsächtlich die Erschöpfung sondern: all meine Zeichnungen waren durch den stetigen Regen und die Flussüberquerungen zerstört worden! Ich hatte von den meisten zum Glück noch Fotos, trotzdem, eine ganze Menge Arbeit und Liebe war vernichtet…

Wir gingen sehr spät vom Rio Tek Camp los, so spät dass uns sogar das französisch sprechende Paar überholte. Allerdings trafen wir sie in der Mitte des Weges wieder, danach sahen wir sie er wieder nach uns geschunden in Paraitepui ankommen. Mein Guide trug mich unglaublich gentleman-like bei über ein Sumpfgebiet, da ich sonst vermutlich noch ein paar Blatern mehr hätte verzeichnen können… Insgesamt gingen wir unglaublich langsam voran, es gab nur zwei komplex begrenzte Arten von Weg, auf denen ich einigermassen „schnell“ voran kam, der ganze Rest, und das war leider etwa 80% des Weges war purer Schmerz! Irgendwann sichteten wir sogar einen Ameisenbär, der viel viel grösser war, als ich mir das je ausgemalt hatte!

Schlussendlich kamen wir dem Tode nahe (um es noch dramatischer zu machen) in Paraitepui an, ich entledigte mich als erstes meiner Tevas und Socken, danach warf ich den Kocher an. Ich hatte Heisshunger! 😀

Von Paraitepui holte uns die Frau wieder mit ihrem 4Radantrieb ab und raste den Berg hinunter bis nach San Francisco.

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Grenzübertritt

8 05 2012

In Manaus hatte ich mich noch gefragt, ob ich wohl irgendwo in mir eine Angst vor dem einsamen weiterreisen barg. Aber als ich wieder alleine unterwegs war kehrte Ruhe und Zufriedenheit ein. Ich konnte mich wieder mehr den Dingen widmen, die ich einzig allein geniessen und schätzen kann, Dinge wie Landschaften, die keinen anderen faszinieren, Dinge wie ewig langes aus dem Fenster starren, Musik hören und in eine andere Welt davonschweifen. Auf  jeden Fall war ich ganz schön zufrieden wieder alleine auf Achsen zu sein.

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Mit dem Bus kam ich an der Grenze an wo mich als erstes ein Geldwechsler abfing. Ich brauchte Geld, hatte ja nur noch meine Dollars (welche ich für einen sehr schlechten Wechselkurs gewechselt hatte). Der Typ nannte mir einen Kurs von 8 und meinte, das sei ein sehr guter Kurs. Ich war äusserst verwirrt: Fabricio hatte mir von einem Kurs von 8000 geschrieben. Ich dachte, ich werde gerade böse über den Tisch gezogen, weshalb ich anfing irgendwelche Leute an der Busstation nach dem Kurs zu fragen. Es stellte sich heraus, dass auch die Locals verwirrt schienen. Schlussendlich wechselte ich trotzdem. Später fand ich dann heraus, dass das Geld in den letzten Jahren gewechselt hatte: von der früheren Währung konnte man drei Nullenabziehen, dann hatte man die heutige Währung.

Anschliessend kam ein Stück,welches man zu Fuss zurücklegen musste. Ich erspähte eine Reihe von Restaurants, setzte mich in das leerste und bestellte das letzte mal brasilianisches Essen. Ich würde es vermissen. Es war köstlich und ich hatte eine kleine Unterhaltung mit der jungen Köchin, sie war auf dem Grenzort geboren, aufgewachsen und hatte nun ihr eigenes Restaurantchen hier. Noch nie war sie nach Venezuela gelaufen, noch hatte sie ihr Örtchen in brasilianische Richtung verlassen. Sie war schockiert, dass ich mit 19 alleine in Brasilien und Venezuela herumreise und meinte, sie hätte niemals den Mut dazu. Sie hätte Angst, ausgeraubt oder vergewaltigt zu werden! Es erstaunt mich immer wieder wie paranoid viele Leute über das eigene Land denken…

An diesem Tag ritt mich etwas Verrücktes: ein Auto stoppte bald vor mir und ein älterer Mann lud mich ein, mit ihm nach Santa Elena zu fahren (der nächsten Stadt in Venezuela). Gegen jegliche Vernunft und gegen mein normaliges Verhalten stieg ich ein. Er kannte die Grenzen gut, hatte seine Frau und die Hälfte seiner Arbeit in Venezuela, war aber aus Brasilien und wohnte auch noch dort. Beim venezuelanischen Grenzposten wurde ich zurück zum brasilianischen geschickt, weil ich vergessen hatte, einen Ausgangsstempel zu machen. Der Mann mit dem Auto fuhr mich zurück und wartete, dann nochmal zum venezuelanischen und endlich betraten wir Venezuela. Plötzlich sprechen alle schnelles Spanisch, plötzlich kann ich mich viel besser verständigen. In Santa Elena angekommen, liess er mich bei einer Art Taxistand aussteigen. Er meinte, von hier fahren Sammeltaxis nach San Francisco. Ich hatte nämlich beim Durchfahren der kleinen Stadt einen so unsympathischen Eindruck bekommen, dass ich schnellstens von dort weg wollte. Ich kann eigentlich nicht genau erklären was es war, vielleicht auch nur der Wechsel vom reichen Brasilien ins arme Venezuela…

Auf jeden Fall fand ich heraus, dass die Sammeltaxistation eine ganz andere war, also fragte ich prompt nach der Strasse nach San Francisco und fing an zu laufen. Es war brütend heiss und mein Gepäck belastete meine geschwollenen Füsse und Knie arg, aber wie gesagt – an diesem Tag ritt mich etwas… Ich hielt für etwa 40Minuten den Daumen raus bis endlich ein weisser uralter Wagen anhielt und mich auflud. Ich hatte das Glück, dass mein Fahrer einst bei der Busstation gearbeitet hatte, zu der er mich nun mitnahm. Er erklärte mir, dass ich von da einen Bus nehmen könne und ca. eine Stunde Fahrt vor mir hätte. Ich dankte und kaufte mein teures Busticket. Der Bus verliess 5 Minuten später die Station. Da sass ich müde und schlief bald ein. Als ich wieder aufwachte hielten wir bei einem Kontrollposten des Militärs. Sie durchsuchten die Gepäcke, pickten einige heraus und liessen die Besitzer antraben. Ich war sicher, dass sie auch mich als Touristin rausholen würden um irgend eine Bestechsumme abzudrücken, aber ich hatte wie so oft Glück.

In San Francisco angekommen nahm mich gleich ein Polizist unter seine Fittiche, er erfuhr von mir, dass ich bald möglichst den Roraima besteigen wollte, einen Guide und eine Übernachtungsmöglichkeit suchte. Er half mir beim Guide, der wiederum fand ein recht günstiges Zimmer mit Dusche für mich. Es war ein winziger Ort und alle kannten sich. Zudem waren fast alle irgendwie verwannt, denn es waren nur 5 Pemonen-Familien, die hier sesshalft waren. Die Pemonen sind ein Indianerstamm Venezuelas, sie sind die einzigen Menschen, die ein Recht haben, im Parque Nacional Canaima zu hausen. Ich war zuerst etwas enttäuscht, da ich arme kleine Holz und Stohhütten erwartet hatte, dazu halb nackte, Feder-gepiercte Indianerhäuptlinge. Das Bild war aber recht normal: kleine flache Häuser mit Strom und fliessend Wasser. Allerdings lernte ich später dann doch noch die indianische Kultur und deren Eigenheiten kennen…

San Francisco

San Francisco