Quito – keine Erinnerungen, Pomasqui – voller Erinnerungen

4 06 2012

Ich kam in Quito an, ohne es zu erkennen. Das war schon ein bisschen enttäuschend. Ich hatte erwartet, dass neue Erinnerungen auftauchen würden, dass ich kleine Strassen oder vielleicht den Supermarkt, in den wir immer gingen, wiedererkennen würde. Aber weder fand ich den Supermarkt mit den langen Rolltreppen und dem speziellen Geruch, noch erkannte irgendwelche Barrios wieder. Allerdings ass ich Essen (leider hab ich den Namen schon wieder vergessen), das wir ab und an auch als günstige Variante vertilgt hatten, wenn wir in Quito einkaufen waren. Auch erinnerte ich mich an Kleinigkeiten wie den Namen meines 6-wöchigen Spanischprofessors: Libni. Und daran, dass ich immer mit der Putzfrau der Unterkunft, in der wir in Quito untergekommen waren, mitgegangen war, um in einem weitentfernten Geschäft mit dem Hund Schockoladenbrötchen einkaufen zu gehen. Und dass ich und Valentin (mein Cousin) in dieser Unterkunft einmal einen lächerlichen Streit mit Anschreien und Kissenwerfen hatten, bei dem es um Tiere ging: er ärgerte mich mit der simplen Aussprache von „ich will Tiere umbringen, die sind zum Essen da, Tiere sind keine ebenwürdigen Lebewesen, etc.“ 😀 Ich könnte wetten, dass er sich heiligerweise nicht mehr daran erinnert 😛 Naja, auf jeden Fall fand ich ein supergünstiges Hostal direkt im Kuchen (7.50 USD für ein riesen Privatbett mit Fernseher). Von dort aus machte ich es mir bald zur Gewohnheit, bei einem superleckeren und supergünstigen Chinesen irgendwelche Gerichte mit Camarones verschlingen zu gehen. Für 2.60 USD bekam ich z.B. eine Camaronessuppe mit Gemüse. Und für 3.60 USD erhielt ich Gemüse, Reis und Shrimps, ist das nicht herrlich??? In Ecuador fühlte ich mich so RICHTIG zu Hause, auch wenn es nur 3Tage und 2Nächte waren.

Auf jeden Fall überwand ich mich am nächsten Tag, einen Bus nach Pomasqui zu nehmen. Dabei war ich überrascht, wie einfach und gut das Bussystem war und fragte mich, ob sich das in den letzten Jahren sehr entwickelt hatte, oder schon immer so günstig und gut gewesen war. Ich musste bloss einmal umsteigen und die Reise von ca. 1-2h kostete mich gerade mal 0.60 USD! Der Buschauffeur vergass mich allerdings, in Pomasqui rauszulassen, und da ich gefragt hatte, ob sie mir mitteilen konnten, wenn wir in Pomasqui wären, getraute ich mich nicht zu fragen. So machten sie – als ich dann endlich doch noch fragte – einen Vollstop und liessen mich aussteigen und bei einem entgegenkommenden Bus gleich wieder reinhüpfen. Der nahm mich gratis bis zurück nach Pomasqui. Ich dachte, ich hätte einen Pet-Accessoire-Shop wieder erkannt und rannte gleich nach dem Abhüpfen die Türen dieses Ladens ein! Der Besitzer meinte allerdings, dass es dieses Geschäft erst seit 3 Jahren gab, also Fehltreffer. Aber ich fragte ihn gleich nach dem Barrio (so wie ich es in Erinnerung hatte), fragte nach den Namen der Barrios und nach der Schule, an deren Name ich mich plötzlich erinnerte (Ernest Rutherford). Am Ende nannte mir ein alter Cowboy zwei Barrios, die auf meine magere Beschreibung ala „hat einen grossen Torbogen als Eingang zum Barrio, staubige Strasse…“. Ich lief ca. 30Minuten in der Hitze, nur um eines der Barrios zu suchen, fand es allerdings nicht und lief wieder zurück. Mir begegnete ein Taxi, auf das ich gleich aufsprang: ich hatte keine Lust Stundenlang das richtige Barrio zu suchen. Der Taxifahrer wusste sofort, wovon ich sprach. Er fuhr und fuhr und fuhr und ich glaubte, mich an immer mehr erinnern zu können: ein Eingang, in dem einst ein Tischler gearbeitet hatte, Valentin und ich, die wir nach einem Schultag bei einem Bienenhalter vorbeigingen und lernten, wie er seinen Honig gewann. Dann war da die gelbe Brücke über einen Talfluss und schliesslich die kurvige ummauerte Auffahrt Richtung Santa Rosa. Und da, nach etwa 3 Kurven: das grosse gelbe Tor. Allerdings war die Strasse dahinter mittlerweilen geteert.

Als erstes fand ich das Haus, das damals Cesar gehört hatte – und tatsächlich, als ich mit gebrochener Stimme fragte, ob hier ein gewisser Cesar wohnte, kam die Frau Cesars und holte deren Tochter. Ich erinnerte mich an beide Gesichter und die Tochter erinnerte sich ebenfalls lebhaft an all unsere Namen 🙂 Wir redeten nur kurz, vielleicht 15Minuten, ich fragte sie über Cesar und Bambi aus und sie mich über Felicitas, Dominique, Valentin und mich. So erfuhr ich, dass Cesar schon von 6Jahren gestorben war und Bambi kurz darauf. Und was sie mir auch erzählten und ich wunderschön fand: Bambi sei nach unserer Abreise ständig zu unserem Haus gelaufen und hätte „geweint“ (so nannten die zwei Frauen es). Und das Tag ein, Tag aus. Es berührte mich und zeigte mir ein weiteres Mal, wie echt die Gefühle der Tiere waren, wie tief deren Treue ging und wie aufrichtig und wunderschön deren Seele ist. Und ich verstand, dass ich nicht nur Pussycat im Stich gelassen hatte, sondern auch Bambi das Herz gebrochen. Darüber konnte ich zwar nicht weinen, aber ich prägte es mir ein, als eine Lektion fürs Leben. So etwas durfte ich nicht noch einmal verbrechen! Pussycat hingegen war seither von niemandem mehr gesehen worden. Ich vermute, dass sie nur Tage nach meiner Abreise verendet war: Pussycat hatte ich als Babykatze mit einem verschissenen und verpissten Schwanz zwischen Tor und Wand vom Barrioeingang gefunden, hatte sie in einem in der Nähe gefundenen Benzinkanister nach Hause getragen (ich war ein winziges, mageres Mädchen mit zwei Schwänzchen, das noch nie ein Tier gehabt hatte), und das Kätzchen aufgepäppelt. Meine Mutter und Dominique waren sogar irgendwann einverstanden, dass ich sie behielt, und so kam es, dass sie EINZIG mir vertraute. Sie kam IMMER wenn ich sie mit ihrem Namen Pussycat rief, meistens rief ich sie sogleich, nachdem ich von der Schule zurückkam. Ich fütterte sie, ich liebkoste sie, ich bürstete sie, ich versuchte ihr Dinge beizubringen. Aber das was sie mir gab, war das grösste Geschenk, das man erhalten konnte: es war Liebe und Vertrauen. Ich weiss, dass ich sie durch meine liebevollen Umarmungen (oder auch Erdrückungen) fast umgebracht hatte, aber sie hatte mich nie verletzt oder sich gewehrt. Ich hatte sie auch fast umgebracht, als ich auf die Idee kam, ihr eine Leine aus blauer Plastikschnur anzulegen und mit ihr auf dem Dach spazieren zu gehen. Sie begann sich zu wehren, verfing sich böse im Netz und fiel am Ende ca. 2.5 Meter vom Dach hinunter, ohne sich auffangen zu können, da ihre Beine in meiner Leine verstrickt waren. Und doch kam sie immer wieder zu mir. Und war ich vielleicht am meisten schätzte: sie vertraute NUR mir und liebte NUR mich. Wie die ja bestens wissen, die mich kennen, bin ich äusserst kontrollsüchtig, besitzergreifend und in Beziehungen komplett eifersüchtig. Pussycat war wohl meine beste Beziehung gewesen… Dies ist wohl eine der einzigsten Taten in meinem gesamten bisherigen Leben, für die ich absolute Reue empfinde, und wenn ich nur könnte, die Zeit zurückdrehen würde, nur um diese eine Ding wiedergutzumachen, sie nicht zu verlassen, sie nicht zurückzulassen.

Nach Cesar’s Familie suchte ich noch das Haus auf, in dem wir gewohnt hatten. Es war mittlerweilen in eine Privatschule umgewandelt worden. Die Rektorin war anscheinend die Tochter der Besitzerin dieses Hauses. Als ich fragte, ob ich Fotos machen könne – nachdem ich 10Minuten hatte auf sie warten müssen – meinte sie, nein. Als ich fragte, ob ich doch bitte wenigstens von diesen zwei Minikokosnusspalmen mit der Bar dazwischen ein einziges Foto machen könne, verneinte sie. Danach wollte sie mich doch tatsächlich noch ausfragen, wer ich sei, was ich hier wolle. Aber ich schnitt ihr das Wort ab und meitne, ich müsse mich beeilen, mein Taxi warte auf mich. So ging ich nur kurz auf dem Grundstück umher und floh dann schleunigst wieder aus dem Eingangstor. Was für eine Hexe!

Weiter unten – und da war der Weg tatsächlich noch nicht geteert – besuchte ich Marta, eine Nachbarin, mit deren Sohn ich damals zur Schule gegangen war. Von ihr hatte ich auch Bambi bekommen, er war eines von vier Hundebabies gewesen. Alle seiner drei Geschwister waren in den Wochen nach der Geburt unter der Achtlosigkeit gestorben. An Marta und ihren Sohn hatte ich nur wenig gute Erinnerungen. Ich hatte ihnen z.B. auch das zweite Kätzchen anvertraut, das ich erst am Ende unseres Ecuadoraufenthalts gefunden hatte. Was damit passiert ist, will kein Tierliebhaber im Detail wissen, aber zur Information: Kevin, Martas Sohn, hatte das Kätzchen mit aus Dach genommen, war auf dem Dach mit dem Skateboard herumgefahren und hatte das Kätzchen überfahren, getötet, verquetscht! Kevin war  ein sowieso sonderbarer Junge gewesen… Marta hatte mittlerweile einen zweiten Sohn. Kevin traf ich nicht, er war im Gymmi. Marta hatte mich sofort wiedererkannt – aber nicht etwa an meiner weissen Haut, nein, an meiner STIMME! Ich war davon doch sehr überrascht. Sie begleitete mich noch bis zum Taxi. Da fragte ich auch noch, nach dem grossen, gefährlich kläffenden schwarzen Hund Oso, der aber auch schon lange verstorben war. Oso hatte mich und Valentin immer mit gefletschten Zähnen und gefürchigem Gebelle begrüsst, aber er hat keinem ein Haar gekrümmt und sobald ich nahe genug gewesen war, um ihn zu streicheln, hat er sich beruhigt =)

Nach dem Besuch bei Marta verliess ich das Barrio mit dem Taxi und nahm gleich darauf einen Bus zurück nach Quito. Länger wollte ich dort nicht bleiben. Mehr Dinge wollte ich nicht sehen. An die Namen aller restlicher Bekannten konnte ich mich auch nicht erinnern.

In Quito erfreute ich mich natürlich wieder an dem Chinesen mit den Shrimps, machte noch eine Sightseeingtour durch die Altstadt, an die ich mich in keiner Hinsicht mehr erinnerte. Und gegen Ende des Tages ging ich zum Mercado Artesanal, wo ich mein ganzes Dollar-Geld ausgab: ich kaufte ein Geschenk nach dem andern, kaufte mir selbst einen sehnsüchtig vermissten Poncho und noch mehr Geschenke. Am nächsten Tag kam ich mit meinem gesamten restlichen Geld her, um auch noch dies in Geschenke zu verpulvern – wie oft war ich denn in Ecuador, um interessante NICHT-SCHMUCK-Geschenke zu kaufen, so dachte ich 😉 Danach ging ich zurück ins Hostal, holte mein überbepacktes Gepäck und eilte zum Busterminal, um den Bus zurück nach Kolumbien zu erwischen.



Grenzüberschritt

4 06 2012

Von Ipiales aus musste ich einen Collectivobus nehmen, der mich allerdings zu meiner Überraschung sofort ÜBER die Grenze brachte, das heisst, ich war in Ecuador angekommen, ehe ich mich versah! Aber natürlich musste ich nochmals alles zurücklaufen, damit ich in der Columbianischen Botschaft den Austrittsstempel einholen konnte, erst danach ging ich mit schweissnassen Händen und Tränen in den Augen wieder zurück über die Brücke nach Ecuador. Tatsächlich weinte ich. Aber als mich auf der ecuatorianischen Seite ein Mann mit einem offenen Messer in der Hand begrüsste, steckte ich meine Emotionalität umgehend für einen Moment weg und konzentrierte mich auf das Wesentliche 🙂 Der Typ der die Eintrittsstempel verteilte fragte mich zu meiner Freude, ob ich das erste Mal nach Ecuador komme. Darauf antwortete ich etwas zu eilig: NEIN! Er suchte also den Ecuadorstempel bis ich ihn zwinkernd informierte, dass dies 10Jahre her sei. Danach liess er mich sofort gehen ^^ Ich musste einen weiteren Collectivobus bis in das Stadtterminal von Tulcán nehmen. Dort erwischte ich gleich einen Bus für 4.50 USD der direkt nach Quito fuhr (ca. 4h). Die ganze Fahrt über weinte ich entweder still vor mich hin oder nickte weg. Um das zu erklären: eigentlich hatte ich nicht erwartet, dass ich eine so starke emotionale Verbindung zu Ecuador und zum Minidorf Pomasqui empfand und ich kann es mir nur durch mein damaliges Kindesalter, die schönen und so verschiedenen Erfahrungen und durch meinte Tiere Pussycat (meine Katze), Bambi (mein/unser Hund) und Lucia (mein Huhn) erklären. Dazu natürlich unsere Nachbaren und Angestellten: Cesars Familie. Ich schwitzte die ganze Zeit über kalten Schweiss und konnte an rein gar nichts anderes denken als an das Wiedersehen mit den Orten meiner fröhlichen Kindheit und an das eventuelle Wiedersehen mit Menschen, an die ich mich optisch kaum noch erinnerte. Die Hoffnung, dass Pussycat oder Bambi noch lebten waren kaum vorhanden…