Die Fahrt nach Itacaré war wie ein Film: In kürzester Zeit änderte sich sowohl das Erscheinungsbild der Bauten, als auch das Antlitz der Menschen… Die Häuser sahen all wie baufälliger und gefährlicher aus, die Menschen wurden immer schwärzer. Schöner kann ich das nicht beschreiben. Die ganze Fahrt über alberte ich mit Anna rum, die ganze Zeit über stopfte ich meine geradezu berüchtigten Crackers oder Popcorn in meinen Mund. Der Bus wurde komplett überladen, die Leute reihten sich im Gang aneinander, die Luft war echt unangenehm. Ich fühlte mich schon mehr wie in Afrika als in Brasilien… In Itacaré angekommen wurden wir von einer Argentinierin abgefangen (Sympatisantin Fabricios :-P) die uns in unser Verhängnis lockte. Doch NOCH waren wir uns darüber im Unklaren.
Wir watschelten müde an den zahlreichen romantischen Restaurants vorbei, mit den Gedanken schon im Bett. Anna und ich tuschelten hinter vorgehaltener Hand: wir trauten der Lady nicht und wir ahnten, was kommen würde: ursprünglich hatte sie uns zum Hihostel führen wollen, doch erst weit nach Eintritt in die „Hostelstrasse“ überwand sie sich dazu, jemanden zu fragen, wo sich denn dieses Hostel befände. Da stellte sich – oh Wunder – heraus, dass wir scho weit übers Ziel hinausgeschossen waren. Sie meinte so ganz beiläufig, dass das Hostel, in dem sie arbeite, ganz ganz in der Nähe sei. Anna und ich grinsten uns breit an, schliesslich aber gaben wir der Müdigkeit nach und folgten der Lady.
Die Absteige entpuppte sich als okay, wir freuten uns über den günstigen Preis, der sich auf etwa 13 CHF belief. Die Betten erweckten allerdings mein grösstes Misstrauen, und so flüchteten wir uns zuerst mal in die Dusche, dann in ein teures Abendessen und anschliessend in eine gehörige Portion Party: ich hatte auf dem Weg zum Restaurant eine Bar gesichtet, die meinen Geschmack von Musik traf, zudem waren die Getränke dort bezahlbar. So probierten sich Anna und ich durch die verschiedenen Caipirinhas, Caipirissimas, Roshkas und was es sonst noch alles gab. Gewinner der Saufpartie war definitiv der Caipifruta mit Maracuja. Ausserdem spürten Anna und ich beim letzten Drink überhaupt keinen Alkohol mehr in unserem Getränk, was zur Folge hatte, dass ich mich auf flirtische Weise an den Barkeeper wendete und ihn schliesslich davon überzeugte, dass eine rechte Portion Alkohol fehlte. Er stellte sich dem Problem folgendermassen: „Trink“ sagte er zu mir, bis ich fast die Hälfte des Caipifruta getrunken hatte, dann nahm er eine Alkoholflasche nach der anderen, und kippte sie für lange Sekunden über das Glas… Dies führte nach einer Weile dazu, dass ich Anna hinter mir her auf die Tanzfläche zog, und wir gemeinsam einen Versuch zum Salsa hin starteten.
Es misslang leider halbwegs, denn sowohl unser Tanzstil (sie balettmässig energisch und korrekt, ich betrunken und schwach) als auch das wohlige schwummrige Gefühl des Caipifrutas trugen dazu bei, dass wir mehr oder weniger bei jeder einzelnen Drehung auseinanderflogen, ich in die eine, Anna in die andere Richtung. Trotzdem beschied uns ein kleines Publikum 🙂
Am folgenden Tag wachten wir gerade noch rechtzeitig für das magere Frühstück auf, danach duschten wir alle ausgiebig den Alkoholschweiss aus den Poren und machten uns auf die Suche, nach einer etwas gehobeneren Pousada / Hostel. Auf dieser Tour rannte ich alle paar Meter auf die nächste Toilette, ich hatte immer noch meine Problemchen mit dem Magen, irgendwas unschönes hatte mir schon vor ner Woche den Darm vergrault… Zusätzlich fanden wir heraus, dass alle Pousadas hier in Itacaré so unglaublich günstig waren, und dass wir – so gesehen – einen komplett überhöhten Preis bezahlt hatten – wir Trottel! Schon das reizte uns etwas, aber da wir ja ein PRACHTSTÜCK für die folgende Nacht ausgesucht hatten, konnten wir den Schmerz einstecken… Wir holten also unser Gepäck von der Absteige. Auf dem Weg zum prächtigen Hostel bemerkte Anna lasch, sie hätte ihren kleinen Rucksack bei der Reception vergessen. Frohen Gemüts witzelten wir darüber, dass er doch gestohlen werden könnte, und was das alles für Konsequenzen ergäbe. Also machten wir uns gleich nach dem Gepäcke-ablegen im Hostel auf den Rückweg. Ich und Fabricio setzten uns in eine sympatisches Restaurant, um auf Anna zu warten.
Sie kam – ohne Rucksack. Er war ernsthaft gestohlen worden, die Situation hatte Comix an sich…
Es wurde uns erst später bewusst, was für eine Tragweite das ganze mit sich zog! Wir verbrachten auf jeden Fall den ganzen Tag auf der Polizeistation. Wir assen erst wieder spät abends, aber die Lust zum Essen war Anna gänzlich fern. Sie hatte EXTREM ruhig und beherrscht reagiert. Zwar war sie den Tränen nahe, doch weder flippte sie aus, noch heulte sie uns die Ohren voll. HUT AB vor dieser starken Nervenfrau! Ich war ab sofort in der Funktion als Bankomat und Translaterin tätig, was mit Durchfall zwar nicht lustig, aber durchaus interessant und lehrreich war. Brasilien wurde mir noch unsympatischer (Komplizierung und Unlogik allgegenwärtig), ich lernte, was ich in case alles für mich selbst machen musste und es war eine Abwechslung zum wohlbehüteten Reisen in Brasilien 😉
By the way: was bei Anna alles weg war: alle Kreditkarten, alles Geld, alles Travellercheques, die beiden Kameras (die eine davon gross und teuer!), Pass, sonstige Identitätskarten, alles Fotobackups, Impfbüchlein (ohne welches sie nicht zurück nach Australien kann…), I Pod, ELEKTRISCHE ZAHNBÜRSTE, Necessaire, blablabla.
So entschieden wir, gleich am nächsten Tag nach Salvador zu ziehen. Fabricio kam das entgegen, denn für ihn war Brasilien extrem teuer, und er hatte nicht geplant, so langsam zu reisen. Er wollte also möglichst schnell aus Brasilien, hatte aber auf dem Weg noch einige Bekannte-über-Freunde, bei denen er gratis hausen konnte. Einer davon war in Salvador.
Anna nahm gleich das nächste Flugzeug nach Brasilia (Hauptstadt von Brasilien, architektonisches GROSSwerk), um dort für teures Geld den Übergangspass ausstellen zu lassen.
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