Caracas – grosse Stadt, kurzer Besuch

14 05 2012

Nur zwei Tage verbrachte ich in der Millionenstadt Caracas, Hauptstadt von Venezuela. Und trotzdem kannte ich schnell das Zentrum, wanderte zu Fuss durch die halbe Stadt, fuhr mit dem Metro durch die gesamte Stadt, probierte jenste Speisen, fand ein Lieblingsrestaurant, sah zwei Konzerte per Zufall und besuchte den Stolz Caracas: Nationalpark und Berg namens Ávila mit der Gondel. In diesen zwei Tagen schlief ich überdies in einer Wohnung, einem Hostal und einem heruntergekommenen Hotel… Ich traf eine weitere sehr interessante Persönlichkeit und lernte vermutlich meine Traum-Hunderasse kennen.

Fangen wir dort an, wo ich im letzten Artikel aufgehört hatte: am Morgen nach meiner notfallmässigen Nächtigung in der Wohnung von Juans Eltern, suchte ich mir im Internet zwei günstigere Bleiben aus hostelworld heraus. Die erstere, die deutlich besseres Rating hatte, befand sich mitten im Kuchen, und so stieg ich bald in die Metro, Richtung Zentrum. Ich fand das Hostal mit viel Glück sehr schnell. Michael – den ich bald darauf kennen lernte – hatte zwei Stunden lang gesucht, und dies im Regen. Ich fragte einen Türsteher vor einem einschüchternden hohen schwarzen Gebäude, ob er das Hostal kenne, er lachte und erklärte, dass er der Türsteher des Hostals sei. Ich wurde in den Lift verfrachtet, fuhr hinauf un stürmte hinaus in den Gang. Ich stürmte weiter zum Eingang des Hostals – ich musste oberdringend auf die Toilette (seit Roraima hatte ich eine schmerzfreie Blasenentzündung, sowas in der Art, auf jeden Fall schienen meine Blasenmusklen kaum zu taugen…)! Es war mir ein so dringendes Anliegen, dass ich anstelle einer Begrüssung direkt nach der Toilette fragte. Als ich wieder herauskam, erwartete mich eine heisse, leckere Schokoladenmilch, bzw. Schockolade mit etwas Milch. Und ich erkannte, dass ich mich nicht in einem gewöhnlichen Hotel oder Hostal befand, nein, es war eine stinknormale Wohnung. Etwas misstrauisch nahm ich Platz. Der überschwänglich nette Gastgeber erklärte mir wie alles lief: er zeigte mir als erstes Fotos von ALLEN, die schon in diesem Hostal genächtigt hatten, ganze Wände nahmen die geprinteten Bilder ein. Dann legte er mir ein Handy mit Aufladegerät vor die Nase und meinte, das stelle er jedem seiner Gäste gratis bereit, bzw. sei im Preis inklusive. Die Küche stehe jederzeit zur Verfügung, mitsamt Eisspuckendem und Crasheisproduzierendem Kühlschrank. Die Bettwäsche und das Handtuch sei ebenfalls gestellt und werde jeden Tag gewechselt, dazu bekam ich eine Schatulle mit einer neuen Körperseife. Es gab nur zwei Zimmer wobei im einen nur ein Doppelbett stand. Dieses gehörte mir allein für diese Nacht. Im andern Zimmer hauste ein älterer Brasilianer (grosser und schneller Reisender, der nur in Monologen konversieren konnte, wie ich später erfuhr) und ein junger Amerikaner (der erst nach mir ankam, Michael, wir freundeten uns an). Der Gastgeber selbst, war von Argentinien, was ich zu meinem Pech immer wieder vergass. Er und seine Frau hatten dieses Hostal erst vor acht Monaten eröffnet. Am Ende nannte er mir schliesslich den Preis – und ich fiel fast vom Hocker: 40Dollars! Soviel hatte ich während meines ganzen Lebens noch nicht für ein Hostel bezahlt, schon gar nicht in Südamerika… Es war mir in dem Moment egal, ich war noch zu erschöpft von dem ganzen Roraima-Trekking, der Autopanne und dem wenigen Schlaf. Ich lernte auch bald die Hündin Caissy kennen, eine Ankita (japanische Hunderasse). Er zeigte mir, was er ihr alles beigebracht hatte, und ich war hingerissen. Sie war offensichtlich hoch intelligent, ein insgesamt ruhiges Wesen, trotz ihres Alters und treu bis an die Flossen… So einen Menschen sollte man mal finden, pha!

Ich war am bloggen und Emails beantworten, als Michael pitschnass ankam. Meine Frage „Und was machst du? Studierst du, arbeitest du?“ stiess auf eine äusserst ungewöhnliche Antwort: „Ich bin Fischer in Alaska!“ Ja, richtig gehört. Er arbeitete nur 6 Monate im Jahr, in diesen jedoch 6 Tage die Woche a 16 Stunden pro Tag. Dabei befand er sich jeweils 3 Monate abgesondert von jeglicher Zivilisation mit ein paar anderen Männern, die alle gemeinsam nach einiger Zeit verrückt wurden. Die restlichen 3 + 3 Monate verbrachte er entweder zu Hause in Seattle (wo er aufgewachsen war und seine Familie hatte) oder aber meistens auf Reisen. Ich würde meinen, er ist in mehr Ländern gewesen als ich, allerdings immer nur sehr kurz, ohne Sprachkenntnisse und somit ohne grösseren Kontakt zu Nicht-Touristen. Auf jeden Fall war es eine sehr spannende Bekanntschaft und weitaus zwangsloser und ausgeglichener als meine Zeit mit Fabricio oder Anna. Wir gingen noch am selben Tag gemeinsam an ein Konzert, das direkt vor der Tür stadtfand. Es war eine Solo-Flamenco-Darbietung eines spanischen superheissen Typen. Am Ende warf er sogar sein Jacket über die Bühne… 😛 So stellte ich mir nun meine spanischen Grosseltern vor, wie sie einander auf der Bühne durch temperamentvolles Flamenco-Gestampfe anflirteten 😀 Es war das erste Mal, dass ich eine Flamenco-Aufführung gut fand – und zwar richtig gut!

In dieser Nacht erhielt ich dann betrunkene SMS von dem Gastgeber, der mir offerierte, meine geschwollenen Beine zu massieren. Dann meinte er, ich könne ja auch in seinem Bett schlafen. Sogar am nächsten Morgen – trotz unbeantworteten SMS – meinte er, ich könne wenn ich wolle in seinem Bett weiterschlafen (ich war schon um 6 Uhr aufgestanden um weiterzubloggen)… Ich fand das so unangenehm (er ist übrigens verheiratet!), dass ich entschloss, mir noch am selben Tag eine neue Bleibe zu suchen, auch wenn es nur für eine Nacht sei. Michael beschloss dies ebenfalls zu tun, und so machten wir uns auf den Weg. Wir fanden ein supergünstiges Hotel ganz nah beim Zentrum und supernah bei meinem geliebten Chinesenrestaurant. Zweimal ass ich dort Chop Suey mit Crevetten (Frittiertes Gemüse). Danach konnte ich immer bald auf die Toilette 🙂 Das Hotel stellte sich – als wir schon bezahlt hatten – als wasserlos heraus: es hatte zwar eine Dusche und ein Lavabo sowie Toilette, aber das Wasser war wohl ausgegangen. Ab und zu kamen für ein paar Minuten Wasser, sodass ich es in Eimern sammeln konnte, um schliesslich doch noch vor der Abreise am nächsten Tag zu duschen. Die Tür des Zimmers liess sich nicht schliessen, und ein anderes wollten sie uns nicht geben. Wir waren beide höchst misstrauisch, so nahmen wir unsere Wertsachen einfach immer mit und hofften, dass unsere Kleider noch da wären, wenn wir zurück kamen.

Genau bei Sonnenuntergang besuchten wir mit der Gondel den Ávila, allerdings hatte es dann genau auf dem Top eine bösartige Wolke, die sich eiskalt und komplett sichtraubend auf dem Gipfel niederliess. So konnten wir die Aussicht nur von der Gondel aus geniessen und machten keine grössere Erkundungstour – ich war in Minishorts und einem Minitop hergekommen und die Leute um mich trugen Handschuhe, Schal und Mütze… Ich trank eine Schokolade, wie ich sie noch nie geschmeckt hatte: sie war so dermassen dickflüssig und abartig, dass ich mich zu jedem Schluck überwinden musste, obschon der schwarze-Schokolade-Geschmack nicht schlecht war. Auf unserer Erkundungstour durch die Stadt assen wir zudem eine venezuelanische Spezialität (keine Ahnung wie sie heisst): grüne Mango mit Salz, Pfeffer, Limone und Essig. Der erste Bissen ist schwindelerregend, aber bald schon ist man der Sucht erlegen… 🙂 Auch eine Art Fladen probierten wir, eigentlich mit Schinken und Käse, für mich aber natürlich ohne Käse, was ihn gleich halb so teuer machte. Die Fladen heissen Cachapas.

Ach übrigens hatte ich im Hostal meine gesamte Wäsche gewaschen: alles kam bläulich zurück. Da kann man nix machen :-/

Am Tag unserer Abreise fanden wir dann heraus, dass ein Pferderennen in Caracas stattfand: ich musste dahin – und Michael kam gleich mit. Zu unserer positiven Überraschung war das Rennen absolut gratis. Man durfte sein Geld in Wetten verpulvern, aber darauf verzichteten wir vernünftig als Reisende. Es war deutlich weniger spektakulär und spannend, als ich erwartet hatte: ich hatte gedacht, die ganze Luft müsse durch die Spannung der Zuschauer elektrisiert sein, dass Getose bis in den Himmel zu hören sei und dass ich vom Rennen selbst absolut gefesselt sein würde. Ich war allerdings echt gelangweilt und die Leute schienen sich nur ganz am Ende eines Laufes für die Pferde  – bzw. den Gewinner zu interessieren (diese Leute waren keine Pferdenarren, es waren alles nur Lottospieler)…

Im Metro zum Busterminal ereignete sich eine Starrpartie: Michael und ich machten uns schon den ganzen Tag auf die Gegenübers aufmerksam, die uns ins Auge stachen, und als ich einen Typen beschrieb, drehte er sich um und wir warfen uns immer wieder Blicke zu, bis wir uns einfach – ich sollte im Blog etwas gemässigter schreiben, aber ich schreib’s jetzt trotzdem – hungrig anstarrten! Ich muss sagen, für meinen Geschmack hat Venezuela reichlich mehr zu bieten als Brasilien (zumindest vom visuellen her)… Die Story endete schnell, ich musste aussteigen. Der Typ machte einige Schritte auf die Tür zu, blieb dann aber doch im Metro, zu meinem Enttäuschen. Die Starrpartie dauerte bis die Metro im Tunnel verschwand… 😉

Im Busterminal wollten Michael und ich unsere Bäuche füllen, um die lange Reise gut zu überstehen: ich holte das Essen für Michael (er MUSSTE ja schliesslich die venezuelanischen Spezialitäten kennenlernen); Arepa und Empanada mit dieser herrlichen Sauce, und für mich holte ich einen Teller mit Reis, Bohnen (ala Brazil, ich vermisse sie schon), ein bisschen Gemüse und Fleisch. Im Fleisch versteckte sich ein Stein, der mir gegen Ende des Essens Stücke der beiden Backenzähne abbrach und vielleicht den oberen ganz brach (bisher war ich noch nicht beim Zahnarzt, es ist auf jeden Fall schmerzhaft). Dies war mein Besuch in Caracas xD