Liberia

6 07 2012

Von San José aus nahm ich einen Bus direkt nach Liberia. Ich fragte unterwegs meinen Sitznachbaren, ob ich sein Handy für einen Anruf benutzen dürfe. Dafür drückte ich ihm ein paar Münzen in die Hand, die er erst gar nicht annehmen wollte. Beim Essen wurde ich total von den horrenden Preisen überrascht, verstand aber später, dass das eher auf meine Unwissenheit zurückzuführen war. Man bezahlte in Costa Rica pro Sorte und nicht pro Gewicht oder Portion. So zahlte ich 3 Dollar für Fleisch, wo ich nur etwa 3 Stückchen verlangte… Wie auch immer, ca. um 8.00Uhr kam ich in Liberia an, wo ich noch kurz auf Dominique warten musste. Alain, den ich noch nie gesehen hatte, begleitete Dominique als Abholservice. Er war und ist ein wunderschöner Junge, bestimmt wird er eines Tages ein schelmischer Playboy 🙂

In Liberia herrscht Familyaction: am 1. Tag, also am Tag meiner Ankunft, erlebte ich gerade noch das Ende von Brian’s Geburtstagsparty. Alle hatten sich verkleidet und geschminkt, sogar Dominique trug eine Gangsterkette 😀 Ich lernte auch Gwen kennen, die 5Monate alte Tochter von Dominique und Nedielka. Das fröhlichste Baby das ich womöglich kenne! Ich hatte einen sehr guten ersten Eindruck von der Familie Leuba: die Kinder schienen alle fröhlich. Dazu lernte ich noch Malaky, den Hund kennen, der noch eine grössere Rolle auf meiner Reise einnehmen sollte. Am nächsten Tag gingen Dominique, die Jungs und ich noch mit Malaky laufen. Es war Vatertag und so gingen wir um die Mittagszeit alle gemeinsam (mit Hund) auf eine Party, welche von der Kindergärtnerin von Alain organisiert worden war. Am Anfang war es etwas verkorkst – bis es Essen und Wein gab. Danach fingen alle an zu tanzen und mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ich die kleinen Mädchen ihre Hüften schwingen sah. Da würde jeden potentiellen Pädophilen aus dem Häuschen locken, keine Frage! Mein Herz erfreute sich zu tiefst an der lateinischen tanzanregenden Musik und ab und zu ging ich hinters Haus, wo alle Hunde herumlungerten, und versuchte alle gleichviel zu streicheln. Malaky war offensichtlich noch der jüngste im Kopf und sprang überall dazwischen, legte sich ständig mit einem Minikläffer an, um mehr gestreichelt zu werden 🙂 Am Abend fragte ich Dominique, ob ich ab jetzt Malaky füttern dürfe. Am dritten Tag, dem Tag vor meinem Geburtstag, wurde ich von Brian geweckt. Das einzige was ich zuerst verstand: Lucky = Malaky. Dann immitierte er „kakamachen“ und „essen“. Ich verstand nicht, ich dachte, Brian wolle mir mitteilen, dass Malaky gegessen und dann gestuhlt hatte. Aber nach ein paar Minuten ging ich dann doch aus dem Häuschen und lief nach vorne, wo Nedielka und Dominique standen. Malaky lag am boden und zuckte vor sich hin. Ihm lief weisser schaumiger Speichel aus dem Mund und ab und zu kam ein Schwall weissen Schleimes heraus. Er machte Atemgeräusche, die einem die Haare zu Berge stehen liessen. Es war ein grässlicher Anblick. Zudem lag bei seinem After ein Häufchen Durchfall und eine Schüssel mit Milch war umgeworfen worden. Dominique telefonierte gerade mit dem Tierarzt. Als er auflegte, erklärte er, dass er sofort zum Tierarzt müsse. Ich half ihm, das zuckende Bündel ins Auto zu verfrachten und setzte mich in den Kofferraum zu Malaky. Während der Fahrt hörte er mehrmals fast auf zu atmen und mir kamen die ersten Tränen hoch. Der Tierarzt ging sehr rau mit dem Bündel um, erklärte aber jeder seiner Schritte. Er spritzte ihm drei Dinge und meinte, jetzt solle er schon bald wieder laufen können. Wir liessen Malaky aber trotzdem noch für zwei Stunden zur Beobachtung da. Nedielka und ich holten ihn dann später ab. Aber er konnte immer noch nicht auf seinen vier Pfoten stehen. Am Abend kam Christian an und bevor ich und Dominique ihn abholten, entsorgten wir noch eine riesige Kröte, die wir zuvor auf dem Grundstück entdeckt hatten. (Entsorgen = in einem Korb einfangen und sie weit weg vom Grundstück herauszulassen.) Der Tierarzt hatte diagnostiziert, dass Malaky in eine Kröte gebissen haben müsse, oder deren giftigen Absorbtionen gelekt haben müsse. Christian zog bei mir im Gästehäuschen ein. Am 4. Tag vergassen am Morgen alle meinen Geburtstag, und so verbrachte ich die meiste Zeit mit Malaky, der mir mehr Freude als alle Menschen zusammen bereiten konnte. Er war immer noch ultra schwach, und so legte ich mich in eine Hängematte und streichelte ihn, bis ich selbst einschlief. Als ich wieder aufwachte, war ich voller Mückenstiche, und so flüchtete ich mich ins Innere. Christian und ich machten uns gegen Mittag auf den Weg in die Stadt – zu Fuss. Es kostete uns 1.5 h in der brütenden Sonne, danach hatten wir uns etwas kühles zu Trinken verdient. Christian lud mich auf einen Maracujasaft ein und ich stibitzte zusätzlich etwas von seinem Fleischstück. Danach gingen wir noch einkaufen und machten uns wieder auf den Nachhauseweg. Ich wollte Autostop machen, aber der einzige klapprige Wagen der anhielt, meinte, er habe nur für eine Person Platz. Und so liefen wir wieder den halben Weg, bis wir einen Bus nahmen 🙂 Am Abend wurde es auf meinen Wunsch mir und Christian überlassen, das Nachtessen zuzubereiten. Ich hatte geplant, Arepas zu machen, die venezuelanische Spezialität, die ich auf dem Roraima kennengelernt hatte. Allerdings wusste ich nicht so recht, wie man den Teig zubereitete. Und so wurde das ganze ein Experiment, das hauptsächlich mich zum amüsierte: ich lachte lauthals vor mich hin, als der Teig als klebrige Masse erschien. Dominique wurde grummlig weil er hungrig von der Arbeit nach Hause kam und Nedielka zog ab und zu die Augenbrauen zusammen. Christian half mir und erfreute sich am Wein, der ihm von Dominique angeboten wurde. Es wurde ein äusserst merkwürdiges Abendessen. Die Arepas waren zwar richtig herausgekommen, aber ich schien die einzige, die richtigen Hunger hatte. Nedielka schob ihr Essen nur vom einen zum andern Tellerrand. Ich entwickelte sowieso eine etwas negative Meinung über Nedielka während meinem Besuch bei den Leubas, aber das lasse ich hier lieber weg. Am 5. Tag machten Christian und ich einen Ausflug in die Stadt, Liberia, und liefen ein bisschen um die Häuser. Wir gingen sogar ins einzig Museum in Liberia. Ein Gefängnis, das hauptsächlich noch von Iguanas bewohnt wurde. Den Guide des Museums traf ich dann Wochen später an der Costa Ricanischen Grenze zu Nicaragua wieder… Wie auch immer, ich bekam bald sagenhafte Kopfschmerzen, und so gingen wir bald wieder zurück zum Haus. Christian wollte umbedingt lauter Dinge unternehmen, egal was, hauptsache nicht herumsitzen. Ich verstand das nur zu gut, aber wir waren in einem komplett andere Reisestadium. Ich war erschöpft, brauchte eine Pause und langweilte mich mittlerweilen schon ab vielen Dingen. So entschieden wir, dass er am 6. Tag selbst etwas unternehmen würde. Ich hatte an diesem Tag auch wieder solche Kopfschmerzen, dass ich sowieso nicht fit für Ausflüge gewesen wäre. Tanja rief mich über Skype an und ich bekam fantastische Neuigkeiten. Sie war bei der Suisse angenommen worden und hatte die LAP bestanden, soll heissen, sie würde 2 Monate frei von Arbeit und Schule haben. Sie fragte mich, ob wir zusammen reisen gehen wollten. Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme und buchte noch am selben Tag meinen Flug auf London. Desweiteren fütterte ich Malaky, unter anderem auch mit seiner neu verschriebenen Medizin und mich ebenfalls mit meinen Kopfschmerztabletten. Am Nachmittag überwand ich mich, mit Malaky spazieren zu gehen. Er konnte mittlerweilen nämlich schon wieder auf wackeligen Beinen laufen. Und ich brauchte umbedingt etwas Ruhe und frische Luft. Der Weg von ca. 10 Minuten kostete uns etwa 1h da Malaky nach allen 10 Metern wieder zusammenbrach. Die Hälfte des Weges trug ich ihn so gut es ging. Bei einem Pferd am Wegrand nahm er seine ganze Energie zusammen, um sich vor mich zu stellen und das Pferd anzubellen. Ich drückte ihn an den Boden, damit er sich ausruhe und das Pferd in Ruhe lasse. Irgendwann merkte er auch, dass das Pferd sich keinen Dreck für einen Angriff auf ihn oder mich interessierte. Meine Kopfschmerzen wurden besser, aber seine Kraft schwand praktisch komplett. Auf dem Grundstück des Hauses angekommen suchte er das nächste Plätzchen Schatten und brach zusammen. Ich tränkte ihn mit einer Spritze, wie ich es auch die letzten paar Tage getan hatte, denn seit seinem Fasttod hatte er nichts mehr getrunken und nur noch wenig Nahrung zu sich genommen. Machmal wehrte er sich gegen die Spritze, aber meistens liess er alles mit sich geschehen, was ein Mensch von ihm verlangte.

Am 7. Tag hatten Christian und ich einen zweitägigen Ausflug geplant. Am Morgen sollten wir mit einem Unterchef von Dominique mit auf eine Plantage von Teakbäumen, wo wir dessen Überprüfung mitanschauen durften. Danach wollten wir noch nach Tamarindo, angeblich die Beach-Party-Destination schlechthin von Costa Rica. Darüber in einem anderen Artikel mehr.

Am 8. Tag am Abend kamen ich und Christian zurück von unserem Ausflug. Wir hatten vorgehabt, Dominique und seine Familie für ein Nachtessen einzuladen, aber da wir alle müde waren, verschoben wir es auf den Sonntag, an dem wir sowieso einen gemeinsamen Ausflug unternehmen wollten. Also disskutierten wir, was wir am nächsten Tag unternehmen sollten. Ich hatte wieder starke Kopfschmerzen und war deshalb leicht reizbar. Es wurde eine richtig anstrengende Diskussion mit Dominique, am Ende wurde es mir zu mühsam und ich verabschiedete mich vom Tisch. Ich verbrachte noch Zeit mit Malaky, dann ging ich schlafen. Am 9. Tag wurde mir die Entscheidung von Dominique und Christian für den Tagesausflug mitgeteilt. Malaky war es, der mich weckte, in dem er am Fenster hochsprang, dazu die Kinder, die am Fenster hochkletterten und ins Häuschen reinhepten 🙂 Malaky ging es viel besser, er hatte sogar so viel Energie, dass er meine Hand zwischen seine Zähne nahm. Das hatte er auch sonst immer getan (vor dem „Unfall“) und nie zugebissen, immer nur höchst sachte, sodass nicht einmal meine Haut einen Kratzer davon trug. Als ich Dominique fragte, ob ich Malaky in sein Reisehäuschen verfrachten sollte, meinte er, es sei ihm zu anstrengen mit seinen Kindern, mit Christian und mir UND dem Hund noch dazu. Ich war immer noch schlecht gelaunt und ich fand es überhaupt nicht toll, den Hund zurück zu lassen. Das war schliesslich eine Unternehmung, wo Kinder und Hunde gerade am meisten Freude hatten! Zickig wie ich ab und an bin, warf ich Dominique hinterher, dass ich ja lieber auf die Kinder als auf Malaky aufpassen sollte (das hatte er mir nämlich so gesagt), als Malaky durch die offene Tür abgehauen war und in der Nachbarschaft verschwunden war. Dominique brachte Malaky zurück und schloss ihn auf dem Grundstück ein. Malaky steckte seinen Kopf und seine Vorderbeine durch das Tod, er winselte todtraurig und scharrte am Boden. Ich fand so etwas gar nicht witzig: wenn man sich einen Hund anschaffte, musste man auch Zeit und Nerven für ihn haben. Und ich und Christian waren wohl kaum ein Grund, um den Hund zuhause zu lassen, wir konnten auf uns selbst aufpassen. Und so ging ich den ganzen Tag beleidigt vorne weg, verbrachte die meiste Zeit „allein“. Ab und zu wartete ich wieder auf die Familie, dann lief ich wieder voraus. Es waren schöne Orte die wir besuchten: im Nationalpark machten wir eine „Wanderung“ zum Rio Celeste, einem Wasserfall der aufgrund von speziellen Mineralien blau schimmerte. Später gingen wir an einem anderen Ort noch in demselben Fluss baden (mich und Nedielka ausgenommen). Gegen Dämmerung fuhren wir Richtung Liberia und hielten in einem Restaurant an. Dort assen wir alle auf Christians Kosten (ausgenommen ich), der Deal war, dass ich Christian dann in der Schweiz ein Mal einladen sollte. Alain kotzte noch den Tisch und den Boden voll, weil er sein Essenslimit überschritten hatte. Die Kotze musste ein Junker vom Restaurant aufwischen.

Auf dem Nachhauseweg plante ich, dass ich am nächsten Morgen früh aufstehen wollte, um mit Malaky joggen oder gegebenfalls laufen gehen konnte. Beim Haus angekommen rief Nedielka nach dem Hund. Er antwortete nicht und kam auch nicht zum Tor gerannt. Er lag tot im Hof. Weisser Schleim und Blut lag auf dem Boden um seine Schnautze und Durchfall bei seinem After.

Am nächsten Tag wurde uns das Auto gebracht und Christian und ich fuhren weg. Ich entschied, nicht mehr zurück zu kommen, bevor ich Costa Rica verlassen würde.