In der Familie Diaz
20 05 2012Den Anfang dieses tollen Erlebnisses hatte ich ja schon erzählt. Wie es weiter ging, das folgt nun hier. Zurück im Haus lernte ich meine Gastgeber besser kennen: da war Mafer, die ältere Tochter, liebt das kochen und studiert Politikwissenschaften. Die Mutter Maria Los Angeles, sie ist Ärztin und wie sie mir immer und immer wieder erzählte, war sie seit 2 Jahren von ihrem Mann getrennt, er hatte sie für eine andere Frau verlassen, aber sie waren offiziell immer noch verheiratet, und Maria litt ganz offensichtlich immer noch stark unter der Trennung. Dann war da Enzo, der liebenswürdige Freund von Mafer, sie waren schon seit 4 Jahren unzertrennlich und gaben ein echt harmonisches Paar ab. Beide liebten das kochen, Enzo war die Ruhe in Person und liess sich in dieser Familie vieles gefallen, während Mafer ganz nach ihrer Mutter gerne den Ton angab. Und zu guter letzt, die jüngere Tochter Maria Angelina (ich werde im Text das Kürzel MA verwenden). Sie war ein schulisch hochmotivierte intelligente 17jährige. Ich konnte mich stark mit ihre indentifizieren – vielleicht nicht mit meinem jetztigen Ich, aber bestimmt mit einem früheren. Sie strotzte nur so vor Motivation um neue Dinge zu lernen, sie wollte raus um die Welt zu erkunden, sie lernte auf eigenen Wunsch Sprachen (Französisch, Englisch und Deutsch) und sie war gut! Sie fragte mich über die Sprache Deutsch und über Europa aus. Ich erklärte ihr, dass Deutsch bestimmt nicht besonders nützlich ist, wenn man nicht gerade in DE oder der CH leben und arbeiten möchte, ich nannte ihr die positiven Aspekte des Lebens in Europa oder hauptsächlich der Schweiz aber warnte sie, dass es immer auch eine Schattenseite gab! Sie träumte davon, eines Tages nach DE reisen zu können und als ich ihr von den Schweizer Löhnen erzählte, wollte sie auch gerne in die CH kommen, um der Familie Geld nach Hause schicken zu können. Sie kam in meinen Augen mehr nach dem Vater, sie war weltoffen und dachte nicht in nationalen Grenzen. Ich habe diese ganze Familie ins Herz geschlossen, jeden einzelnen von ihnen, ich hatte ein grossartiges Erlebnis, eine kleine Belehrung auf meinem Lebensweg. Wie das alte Paar aus Nova Friburgo werde ich auch sie niemals vergessen. Mit MA bin ich immer noch in Kontakt und hoffe auch, es zu bleiben. Ich korrigiere ihr Deutsch, und sie mein Spanisch und ich würde sie gerne irgendwann mal in der Schweiz begrüssen können, oder vielleicht eine Reise durch DE machen.
Aber nun zurück zum Geschehen: ich habe die Ereignisse leider nicht mehr in der Reihe im Kopf, aber ich kann so ungefähr zusammenfassen, was ich alles sah und lernte. Venezuelaner mögen kein Gemüse, und Früchte auch eher weniger. Als ich meinen Salat machte, und ihnen anbot, schauten sie mich nur lächelnd an und dankten ab. Allerdings probierte Enzo mutig und meinte, er sollte mehr Gemüse essen 🙂 Ich stimmte schon am ersten Abend einem Arepa mit Schinken zu, verstiess also gegen mein „ich-werde-kein-Essen-annehmen“… Mafer war schlechthin die Köchin im Haus, während MA immer das Geschirr machen musste. Ich lernte Cocosettes kennen, das sind Cookies mit Kokosnuss, echtes Suchtpotential 😉 Mit MA teilte ich in der zweiten Nacht das Bett und wir schauten einen Film auf Deutsch. Maria Los Angeles nahm mich mit Mafer auch noch zum teuersten Luxushotel in Maracaibo mit, sie wollte, dass ich eine Vorstellung davon bekäme. Ich fühlte mich schlicht nach Europa versetzt und die Preise waren keineswegs waghalsig, sie waren für europäische Portmonees sogar recht preiswert! Aber das Flair der Oberklasse ekelte mich geradezu an; erstens war ich es nicht mehr gewohnt und erschienen mir alle dort herumstolzierenden Leute hochnäsig und herabschauend… Ich fühlte mich nach einer Weile auch gezwungen zu erklären, dass mich ein Luxushotel nicht besonders beeindruckte, und dass dies praktisch Normal-Ferien eines Europäers seien. Mafer und Maria schienen von diesem Hotel zu träumen…
Am Muttertag machten wir einen Ausflug nach Santa Rosa de Agua, das war ganz alleine für mich, aber die ganze Familie kam mit. Es endete leider weniger schön: alle stritten sich und Maria rastete komplett aus. Mafer erklärte mir, dass es wegen der Hitze sei, aber mir kam es eigentlich sowieso mittlerweilen so vor, als sei diese Familie wie ein einziger blubbernder Kochtopf und jede platzende Blase war eine „laute Diskussion“. Nach vier Tagen fühlte ich mich etwas unwohl, ich beteiligte mich natürlich nie an irgend einer Diskussion, aber ab und zu hätte ich meine Meinung gern dazu abgegeben. In Venezuela – so lernte ich – war es das absolut Normalste, Kinder als so etwas wie Sklaven zu behandeln. Ich nehme stark an, dass jeder Venezuelaner das verneinen oder auf jeden Fall anderst formulieren würde, aber unter Europäern würde ich das so beschreiben. Die Eltern oder auch einfach die Älteren kommandieren die Jüngeren herum, als seien sie Diener. Mach dies, mach das, hol mir einen Bleistift und zwar schleunigst, renn und hol mir ein Glas Wasser, ich habe Durst, aber wird’s bald?! Mir gegenüber geschah so was nie, aber vorallem MA kam unter die Räder. Ich hätte es als Tochter niemals in diesem Haus ausgehalten, ich wäre vermutlich mit 12 ausgerissen! Und trotzdem konnte man ganz leicht sehen, dass es doch irgendwie gerecht und mit guter Absicht geschah: die Mutter brachte das Geld nach Hause, damit ihre Töchter Essen und Bildung erhielten. Und die Töchter konnten das nun mal nicht in Geld zurückbezahlen, also arbeiteten sie dafür. Zudem war das Angeschreie vermutlich als strenge Erziehung gedacht. Mafer und MA waren durchaus gut erzogen, aber das Geschreie würde vermutlich über die Generationen hinweg weitergetragen, und das war in meinen Augen oft unnötig mentaler Stress. Santa Rosa de Agua war eine Art Dorf auf Pfahlen am Rande von Maracaibo. Es gab sowohl touristische Restaurants (in einem davon musste ich als Schweizerin nach einem Toilettenbesuch eine Unterschrift mit Spruch an weisser Wand hinterlassen) als auch Wohnpfahlbauten. Es war sehr speziell das zu sehen, aber der Dreck im Wasser machte mich halb krank. Fotos folgen irgendwann.
Am Muttertag kaufte Maria für sich selbst und die Familie und Gäste Fleisch für 300 Bolivar ein, was ein echtes Vermögen darstellt (ca. 38CHF). Nach dem ganzen Gestreite im Auto wegen Paranoia vor allemmöglichen (Dieben, platten Reifen, Umfall, etc.) war die Situation so gespannt, dass ich mich sofort ins Zimmer zurück zog. Als ich wieder heraus kam, war sogar Enzo verreist, er hatte sich so stark mit Maria gestritten (es war um irgend ein Detail in der Küche gegangen). Die Paranoia war es übrigens mitsamt dem ganzen Geschrei, die mich nach 4 Tagen abreisen liess. Es erinnerte mich stark an meinen Vater, der ja auch dieser Krankheit verfallen ist. Zudem begann ich, Paranoia als eine weltweite ernstzunehmende Krankheit zu sehen anstatt als Überreaktion… In der Nacht vor Muttertag (oder danach?) backte Mafer eine riesen Torte, dazu benutzte sie einen Eimer, mit dem man 3 Pferde hätte füttern können. Die Torte schmeckte dann sehr gut, war mir aber viel zu buttrig und fettig…
Dann bleibt da noch der Hund Zeus zu erwähnen: er war der jüngste unter 5 komplett unterschiedlichen Hunden. Er hatte sich schon am ersten Abend in mich verliebt – wie mich Enzo unterrichtete. Zeus war ein Geschenk von Enzo an die Familie gewesen. Maria schlug den Hund am liebsten, denn er hatte null Manieren und beachtete auch nicht all das Geschrei 🙂 Allerdings ging mir seine Verliebtheit nach einer Weile auch ein bisschen auf die Nerven: er hüpfte immerzu an mir hoch und warf mich fast um. Dann biss er mich immer sanft in die Sehne, wenn ich versuchte, wegzulaufen oder ihm auszuweichen, schleckte immer wenn es irgendwie möglich war meine Hände ab oder schnupperte mir zwischen den Beinen herum… Aber ich mochte ihn natürlich sehr, er war ein Tier, und ich fühle mich einfach am richtigen Platz, bei Tieren. 🙂
An einem Tag kochte Maria einen Eintopf mit Shrimps, dazu gab es Yuca und Brot. Ich liebte dieses würzige Mal und genoss das Essen in allen Zügen. Dabei kamen auch noch der Fahrer (der überigens Fernando heisst), also der Ex von Maria und eine alte Freundin von Maria. Aber Maria zerstörte wieder einmal die Atmosphäre, indem sie hoch direkte Anspielungen über „ihren Ehemann“ fallen liess. Nun ja, ich bin ja selbst ein bisschen verbittert, also kann ich sie irgendwo gut verstehen. Aber es IMMER SO hochzuspielen war irgendwie etwas unnötig… Zudem erfuhr ich, dass diese alte Freundin früher die Töchter gebabisittet hatte und nun immer wieder vorbei kam, um von Maria etwas Geld abzuknöpfen, weil sie keines hatte. Ebenso kam deren Tochter eines Abends vorbei und fragte indirekt nach Geld, meinte, sie hätte kein Geld mehr, um das Heimtaxi mit ihrem Sohn zu bezahlen. Aiaiai, ich seh da nicht tief genug, aber mir schien das alles sehr abzockerisch… Und dies sollte nicht das letzte mal sein, dass ich Venezuelaner für Abzockerei beschuldigte…
Am Morgen meiner Abreise bereitete ich mir einen Multi-Fruchtsaft mit allen möglichen Früchten, die ich hier in Maracaibo gefunden hatte (dazu gehörten auch Ciruellas, keine Ahnung wie das auf Deutsch heisst). Maria bekam fast die Krise, als ich meinte, ich wisse nicht so genau, wo ich in Columbien als erstes hinwolle. Sie meinte, es sei viel gefährlicher als Venezuela, alle wollen dich ausrauben und es gibt natürlich kein richtiges Essen, keine Milch und alles war teurer… Sie wollte mich über die Gefahren des Reisens aufklären, was mir an jenem Morgen doch gehörig auf die Nerven ging. Ich war schliesslich mit meinen 19Jahren etwa 1000mal so viel gereist wie sie… Naja, ich wusste ja, dass es nur gut gemeint war… Dann erfuhr ich auch, dass man in Venezuela anscheinend nicht mal im Heim leicht bekleidet herumlaufen kann. Als ich mir aber eine Hose anziehen gehen wollte, meinte sie, es sei schon okay. Erst bei jener Bemerkung fiel mir auf, dass ich in Venezuela nur Prostituierte in aufreizender Aufmache gesehen hatte, nie aber sonstige Frauen, nicht mal im Ausgang! Ich vermutete, dass, wenn sich eine Frau freizügig kleiden würde, die Männer jeglichen Respekt verlieren würden… Es war ja schon vermummt unmöglich, nicht angemacht zu werden… MA war an jenem Morgen schon um 6 aus dem Haus gegangen, Maria ging um 8 und ich konnte nur noch Mafer richtig Ciao sagen. So liess ich einen Briefumschlag mit einem kleinen monetären Dankeschön und einem persönlichen Brief für jeden unter dem Kopfkissen. MA schrieb mir später, dass sie grosse Freude daran gehabt hatte, dass ihr Brief auf Deutsch geschrieben war 🙂 Das war mein Aufenthalt in der Diaz Familie 🙂
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