Grenzübertritt
8 05 2012In Manaus hatte ich mich noch gefragt, ob ich wohl irgendwo in mir eine Angst vor dem einsamen weiterreisen barg. Aber als ich wieder alleine unterwegs war kehrte Ruhe und Zufriedenheit ein. Ich konnte mich wieder mehr den Dingen widmen, die ich einzig allein geniessen und schätzen kann, Dinge wie Landschaften, die keinen anderen faszinieren, Dinge wie ewig langes aus dem Fenster starren, Musik hören und in eine andere Welt davonschweifen. Auf jeden Fall war ich ganz schön zufrieden wieder alleine auf Achsen zu sein.
Mit dem Bus kam ich an der Grenze an wo mich als erstes ein Geldwechsler abfing. Ich brauchte Geld, hatte ja nur noch meine Dollars (welche ich für einen sehr schlechten Wechselkurs gewechselt hatte). Der Typ nannte mir einen Kurs von 8 und meinte, das sei ein sehr guter Kurs. Ich war äusserst verwirrt: Fabricio hatte mir von einem Kurs von 8000 geschrieben. Ich dachte, ich werde gerade böse über den Tisch gezogen, weshalb ich anfing irgendwelche Leute an der Busstation nach dem Kurs zu fragen. Es stellte sich heraus, dass auch die Locals verwirrt schienen. Schlussendlich wechselte ich trotzdem. Später fand ich dann heraus, dass das Geld in den letzten Jahren gewechselt hatte: von der früheren Währung konnte man drei Nullenabziehen, dann hatte man die heutige Währung.
Anschliessend kam ein Stück,welches man zu Fuss zurücklegen musste. Ich erspähte eine Reihe von Restaurants, setzte mich in das leerste und bestellte das letzte mal brasilianisches Essen. Ich würde es vermissen. Es war köstlich und ich hatte eine kleine Unterhaltung mit der jungen Köchin, sie war auf dem Grenzort geboren, aufgewachsen und hatte nun ihr eigenes Restaurantchen hier. Noch nie war sie nach Venezuela gelaufen, noch hatte sie ihr Örtchen in brasilianische Richtung verlassen. Sie war schockiert, dass ich mit 19 alleine in Brasilien und Venezuela herumreise und meinte, sie hätte niemals den Mut dazu. Sie hätte Angst, ausgeraubt oder vergewaltigt zu werden! Es erstaunt mich immer wieder wie paranoid viele Leute über das eigene Land denken…
An diesem Tag ritt mich etwas Verrücktes: ein Auto stoppte bald vor mir und ein älterer Mann lud mich ein, mit ihm nach Santa Elena zu fahren (der nächsten Stadt in Venezuela). Gegen jegliche Vernunft und gegen mein normaliges Verhalten stieg ich ein. Er kannte die Grenzen gut, hatte seine Frau und die Hälfte seiner Arbeit in Venezuela, war aber aus Brasilien und wohnte auch noch dort. Beim venezuelanischen Grenzposten wurde ich zurück zum brasilianischen geschickt, weil ich vergessen hatte, einen Ausgangsstempel zu machen. Der Mann mit dem Auto fuhr mich zurück und wartete, dann nochmal zum venezuelanischen und endlich betraten wir Venezuela. Plötzlich sprechen alle schnelles Spanisch, plötzlich kann ich mich viel besser verständigen. In Santa Elena angekommen, liess er mich bei einer Art Taxistand aussteigen. Er meinte, von hier fahren Sammeltaxis nach San Francisco. Ich hatte nämlich beim Durchfahren der kleinen Stadt einen so unsympathischen Eindruck bekommen, dass ich schnellstens von dort weg wollte. Ich kann eigentlich nicht genau erklären was es war, vielleicht auch nur der Wechsel vom reichen Brasilien ins arme Venezuela…
Auf jeden Fall fand ich heraus, dass die Sammeltaxistation eine ganz andere war, also fragte ich prompt nach der Strasse nach San Francisco und fing an zu laufen. Es war brütend heiss und mein Gepäck belastete meine geschwollenen Füsse und Knie arg, aber wie gesagt – an diesem Tag ritt mich etwas… Ich hielt für etwa 40Minuten den Daumen raus bis endlich ein weisser uralter Wagen anhielt und mich auflud. Ich hatte das Glück, dass mein Fahrer einst bei der Busstation gearbeitet hatte, zu der er mich nun mitnahm. Er erklärte mir, dass ich von da einen Bus nehmen könne und ca. eine Stunde Fahrt vor mir hätte. Ich dankte und kaufte mein teures Busticket. Der Bus verliess 5 Minuten später die Station. Da sass ich müde und schlief bald ein. Als ich wieder aufwachte hielten wir bei einem Kontrollposten des Militärs. Sie durchsuchten die Gepäcke, pickten einige heraus und liessen die Besitzer antraben. Ich war sicher, dass sie auch mich als Touristin rausholen würden um irgend eine Bestechsumme abzudrücken, aber ich hatte wie so oft Glück.
In San Francisco angekommen nahm mich gleich ein Polizist unter seine Fittiche, er erfuhr von mir, dass ich bald möglichst den Roraima besteigen wollte, einen Guide und eine Übernachtungsmöglichkeit suchte. Er half mir beim Guide, der wiederum fand ein recht günstiges Zimmer mit Dusche für mich. Es war ein winziger Ort und alle kannten sich. Zudem waren fast alle irgendwie verwannt, denn es waren nur 5 Pemonen-Familien, die hier sesshalft waren. Die Pemonen sind ein Indianerstamm Venezuelas, sie sind die einzigen Menschen, die ein Recht haben, im Parque Nacional Canaima zu hausen. Ich war zuerst etwas enttäuscht, da ich arme kleine Holz und Stohhütten erwartet hatte, dazu halb nackte, Feder-gepiercte Indianerhäuptlinge. Das Bild war aber recht normal: kleine flache Häuser mit Strom und fliessend Wasser. Allerdings lernte ich später dann doch noch die indianische Kultur und deren Eigenheiten kennen…
San Francisco
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