Manaus – die Amazonasstadt

7 05 2012

Manaus, eine Stadt mitten im Amazonas, die den Titel Stadt mit Würde trägt. Der Hafen und der Flughafen sind die einzigen Zugänge weit und breit. Die Menschen sind ganz eigen, Beispiele dafür: eines Tages verbrachte ich viel Zeit in einer Drogerie, um meine Bestände an Hygienemitteln aufzustocken. Ein Mann hatte schon ne ganze Weile seinen Blick auf mich geheftet. Als ich fast schon fluchtartig das Geschäft verliess, hielt er mir die Tür auf und fragte mich gerade heraus: „Wie heisst du? Woher bist du? Bist du verheiratet?“ Als ich auf die letzte Frage mit nein antwortete: „Wollen wir uns kennelernen? Ich kann dich zum Mittagessen einladen..?“ Madremia! Das war eine beängstigende Begegnung, gleich an meinem ersten Tag in der Amazonasstadt… Zweimal geschah Folgendes: „Darf ich eine Banane/Maracuja haben?“ Gegenfrage des Verkäufers: „Ein Kilo?“ – „Nein, nur ein Stück, bitte.“ Stutzen seiten des Verkäufers, dann ein ausbrechendes Lachen und die Antwort: „Kannst du gratis haben, da nimm!“ Natürlich habe ich jedes mal trotzdem ein Münzstück in die Hand gedrückt, dennoch fand ich das äusserst aussergewöhnlich: einem reichen Touristen Produkte zu VERSCHENKEN… Ein weiterer Gag in Manaus: Anna trat ins Zimmer und meinte mit breitem Grinsen: „Hey Celine, Fabricio is also here!“ … Fabricio reiste dann allerdings noch in derselben Nacht direkt nach Boa Vista, von wo er ohne Halt nach Venezuela fahren wollte. Desweiteren wollte ich einst bei einem Stand etwas bestellen, ich fragte was sie anbieten, die Antwort „Otschidodschi“ verwirrte mich zutiefst! Irgendwann übersetzte sie es in Englisch und ich verstand: Hot Dog. Ein ander Mal wunderte ich mich gerade darüber, dass ich in Manaus zum ersten Mal so richtig als Tourist aufzufallen schien, als mich Männer tortz komplett schmuddeliger Erscheinung und laut trompetendem schneuzen (Geräusche von riesen Rotzklumpen) anpfiffen… Es war also des Öfteren eine doch recht lustige Begegnung mit der Stadt 🙂

Ich verbrachte sehr sehr viel Zeit im Internetcafe um meinen Blog auf Vordermann zu bringen, dazu schwitzte ich insgesamt 4Stunden im Fitness, irrte in der Gegend herum um was auch immer zu finden, oder war am essen. Am Samstag Abend wollte Anna umbedingt in die Oper, ich wollte sie bei günstigem Preis begleiten (noch nie war ich in einer Oper gewesen, zudem war das hiesige Teatro Amazonas ein sehr berühmtes architektonisches Wunderwerk). Dort angekommen versuchten wir an die günstigen Tickets zu kommen, aber es gab nur noch welche, die für meinen Geschmack zu teuer waren – und Anna wollte nicht alleine gehen. Als wir schon drauf und dran waren, etwas niedergeschlagen weg zu watscheln, tauchte eine Frau in der Eingangstür auf und zischte uns zu. Sie erklärte, dass ihr Mann hier arbeite und dass sie daher einige Gratistickets zu verschenken hätte. Ganz offensichtlich wollte irgendetwas, dass wir heute gemeinsam in diese Oper gingen. Es war eine gute Erfahrung, allerdings hält sich meine Faszination für diese Art von Gesang und Schauspiel in Grenzen… Ich bevorzuge Tanja’s Musical mit Abstand 🙂 Mitunter ein Grund weshalb ich dem aufgetragene Stück mit Misstrauen begegnete, war, dass es – um es auf den Punkt zu bringen – eine Art nicht-nackiger Porno für reiches und pickiertes Publikum war. Ja, ganz recht! In jeder Szene bestand mindestens 40% aus Gestöhne, gespielt leidenschaftlichen Küssen oder sonstigen flirtischen Akten… Ich hoffe, dass nur dieses spezifische Stück namens Lulu so geschmacklos pervers und substanzlos ist…

Weitere Ereignisse während meines langen Aufenthalts in Manaus: ich lernte einen Kerl aus Israel kennen, der sowas von den selben Humor hatte wie ich. Wir scherzten in – kein Witz – jedem Satz, den wir austauschten – rau, dunkel, sarkastisch. Wir verstanden uns auf Anhieb unheimlich gut! Leider habe ich das Papier mit seinem Namen und seinen Kontaktdaten bei einem heftigen Regen verloren. Was auch meine Zeit in Anspruch nahm war das viele Eis-Essen und die Recherchen über Uruguay (bezüglich Klima, Universität, oberflächliche Landeszahlen). Ausserdem belauschte ich einst ein Gespräch einer Gruppe von Holländern mit einem Receptionisten des Hi-Hostels in dem ich war: der Receptionist war noch NIE in seinem ganzen Leben ausserhalb des States Amazonas gewesen. Er erzählte aber stolz von seiner einstigen Reise mit dem Schiff zum Nachbarort Santarem und dass er immerhin eine Stunde ausserhalb des Zentrums der Stadt wohne… Wow, erstens hätte ich das nie im Leben von einem arbeitenden Städter vermutet, zweitens schockte mich das irgendwie emotional: man vergleiche ihn mit mir…

Der Grund übrigens weshalb ich so lange in Manaus verbrachte: ich hatte Probleme mit all meinen Banken: meine Kreditkarte war ja schon ganz am Anfang meiner Reise in Brasilien ohne jeglichen Grund gesperrt worden. Um sie wieder entsperren zu lassen, musste man bezahlen, und das, bevor man den neuen Cod zugeschickt bekommen würde. Das wiederum musste natürlich Tanja (meine Geldsekretärin) für mich erledigen, und die hat natürlich ihr eigenes Leben so ganz nebenbei zu führen… Also war nur schon das ein Ghetto. Dann funktionierte meine bisher tüchtige Mastercard auch nicht mehr, der Kontostand war im Eimer. Also wies ich Tanja an, mir Geld vom anderen Konto auf dieses zu überweisen. Allerdings hatte sie von dem anderen Konto kein I-Banking, was die Sache weiter verkomplizierte und zeitlich verlängerte. Auch der Post (bei der das andere Konto sitzt) rief ich mit Skype an, um mich nach dem dortigen Versagen zu erkundigen. Die hilfsbereite Frau am Telefon meinte, es sollte eigentlich funktionieren, wenn ich meinen PIN noch wisse. Ich war mir sicher, dass ich mich mittlerweilen wieder an diesen erinnerte, aber kein brasilianischer oder amerikanischer oder spanischer Bankomat wollte auf Postkartens Geheiss Geld ausspucken. So sass ich also mit meinen letzten 200Reais (100CHF) in Manaus fest. Der Punkt, weshalb ich nicht einfach weiterzog, war folgender: in meinem brandneuen Venezuela-Reiseführer (Auflage 2011) hiess es, die Banken und Bankomaten in Venezuela seine sozusagen zu nichts zu gebrauchen. Wie sich später herausstellte, lag mein Reiseführer vollkommen richtig und mein langes nervenauftreibendes Warten hatte sich gelohnt. Die Erklärung in meinem Guide lautete so: „Die Banken tauschen nicht, nur in dem für einen Urlauber doch eher unwahrscheinlichen Fall, in Venezuela ein Konto zu haben. Man kann es an den Bankschaltern aber mit der Kreditkarte und dem Reisepass versuchen – die Bearbeitungsgebühren sind allerdings horrend und die Wartezeiten meist sehr lang.“ Das alleine tönt ja an sich nicht schrecklich, aber ich hatte auch schon vom Gemurmel über die varierenden Wechselkurse gehört. Später informierte mich Fabricio per Facebook, dass der offizielle Wechselkurs eine komplette Verarschung war und ich umbedingt den inoffiziellen Weg nehmen sollte! Es handelte sich um die Differenz von 100%, soll heissen, der inoffizielle Wechsel war doppelt so hoch wie der offizielle!!!

So, nun aber zurück in die Gegenwart – Manaus. Wie man sich vorstellen kann war ich ziemlich aufgepeitscht durch die ganzen Bankangelegenheiten, und als ich dann am letzten Tag vor meiner Abreise auch noch meinen Schlossschlüssel verlor, und bei meinem Fitnessaufenthalt (da extra bereitgelegte Socken vergessen, barfuss joggend) noch weitere Blatern (unten an meinen Zehen) zusätzlich zu den blutigen, die ich zuvor von meinen neu erstandenen Highheels (zum ersten mal seit über 3 Monaten Absatzschuhe) bekommen hatte, bekam, war es mit meiner in Schach-gehaltenen Persönlichkeit aus und vorbei. Ich schnaubte nur noch wild durch die Gegend und ärgerte mich gründlich. Zu meinem Glück hatte ich mir im Internetcafe Freunde gemacht: der Besitzer liess mich zum Beispiel gratis mit meinen Banken telefonieren (was mindestens ein paar Stunden dauerte), solche Liebheiten wahrte mich vor dem kompletten Austicken. Und dann begann ich auch eine Konversation mit meiner Zimmergenossin (eine unauffällige Brasilianerin aus einem kleinen Ort Mitten im Amazonas). Wir entdeckten, dass wir sehr viele gemeinsame Interessen und sehr ähnliche „geschichtliche“ Ereignisse hatten, und so verbrachten wir die folgenden zwei Nächte und Tage fast ganzzeitlich gemeinsam: wir redeten, wir schauten Serien oder neu rausgekommene Filme, gingen in Restaurants oder ich lehrte sie zu kochen. Sie rettete meine Tage durch ihre blosse Anwesenheit 🙂 Ilana ist ihr Name (den ich übrigens wunderschön find!).

Anna kam kurz vor meiner Abreise zurück von ihrer teuren Amazonastour (welche sich ziemlich enttäuschend anhörte). Sie begleitete mich zur Busstation, wo ich einen Bus zum Rodoviaria nehmen sollte. Es war eine ziemlich komische Szene: genau die Dinge, die ich an Brasilien nicht schätzte, wiederholten sich alle noch vor meiner Abreise: die Busstation schien unauffindbar, bzw. wusste niemand so recht, WELCHE Busstation es nun sein sollte. Auch bei der Busnummer behauptete jeder strickt etwas anderes. Mit meinem Gepäck passte ich wieder einmal nicht durch die Drehtür des Buses und ich fand am Rodoviaria alle schlauen Essensstände geschlossen vor, Feierabend. Auch die Verabschiedung von Anna war irgendwie komisch: ich hatte mich sehr gewundert, dass sie mich begleiten wollte. Sie schenkte mir auch noch ein eher teures Paar von Ohrringen (ich hatte ihr schon vor ihrem Amazonastripp eine neue Tasche und ein dazupassendes Schmuckset zusammengestellt und geschenkt). Irgendwie denke ich, wir waren dem Gegenüber gleichsam müde, wir waren uns gegenseitig auf die Nerven gegangen und waren nun froh, dass sich unsere Wege trennten. Dennoch – hier kann ich nur für mich sprechen – hatte ich ihre spannenden und bewundernswerten Seiten sehr geschätzt, hatte ihre Gegenwart insgesamt genossen. Und irgendwo hoffte ich, sie eines Tages wieder zu sehen, vielleicht wenn ich etwas älter war und sie etwas zufriedener mit ihrem Leben. Vielleicht eine gemeinsame Reise 🙂 Bye Anna! Bye Brazil!



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