Auf dem Amazonas – zum Ersten

23 04 2012

Wir waren alle drei unsicher, was uns erwarten würde. Ich erwartete ein relativ grosses Schiff, schon fasst eine Art Kreuzfahrtschiff, Anna hatte Albträume von einem kleinen Holzbötchen mit max.10 Menschen die einander auf den Wecker gehen, dass das Bötchen im Sturm herumschaukelt wie eine Walnussschale und dass man bei jedem Regen Wasser schöpfen muss. Fabricio wusste es einfach nicht. Schliesslich war es ein doch recht grosses Schiff mit 4 Stöcke, wobei nur 3 davon für Passagiere begehbar, und einer von diesen 3 ausschliesslich für Warenlagerung war. Wir hängten unsere Hängematten auf der obersten Etage in der Nähe der „Terrasse“ auf. Wir lernten schon am ersten Abend unsere Nachbaren kennen, einer war ein alkoholfreudiger Brasilianer, der andere ein einsamer Argentinier. Glücklicherweise ereilte keinen von uns die Seekrankheit. Wir verbrachten unsere gesamte Zeit mit schlafen, lesen, fotographieren, (ich) zeichnen, sünnele, essen und konversieren. Der Argentinier war sehr sympatisch, erzählte uns von seiner bisherigen Reise (hatte z.B. in Paraty in einem Hostel schwarz gearbeitet) und teilte mit Fabricio die (Sehn-)Sucht nach Mate. An einem unserer Billig-Cachaça-Vodka-Abenden wurde Anna so mutig, dass sie einen weiteren unserer Nachbaren mit zum Trinken einlud: es stellte sich heraus, dass er für ein halbes Jahr mit seiner Freundin in Belém verbracht hatte und jetzt – nach einer offensichtlich einseitig bestimmten Trennung – niedergeschlagen zurück nach Santarém reiste. Wir freundeten uns desweiteren mit dem Küchenchef an (bzw. erledigte ich das :-P), soll heissen, ich durfte in seiner Küche kochen, um ein bisschen Geld zu sparen 😀

Erwähnenswert wäre da noch die erste Nacht: Anna meinte am nächsten Morgen, sie hätte überhaupt nicht geschlafen. Als ich sie dann aber fragte, ob sie während des Sturms Angst bekommen hätte, wusste sie nichts von einem Sturm 😀 Ich und David (Argentinier) lachten sie dafür aus, denn während des lauten Donnerns, der grellen Blitze hatte das Schiff ECHT geschaukelt 😀 Die Toiletten waren auch eine Sache für sich – nicht sooo schlimm wie die im Bus von Santana nach Recife, aber übel genug. Dusche und WC waren in einem, d.h. der Abfalleimer mit dem Toilettenpapier muffelte umso schöner vor sich hin… Und man konnte ganze Kakerlakenfamilien und Ameisenstrassen beobachten, wenn man ein längeres Geschäft auf der Toilette zu verrichten hatte 🙂 Ach ja und dann wär da noch die lustige Situation, als ich eines Abends auf einem Stuhl auf der Terrasse zu zeichnen begann und – nach etwa 10 Minuten – hatte sich eine Traube von ungefähr 10 Menschen um mich versammelt. Was ich leider erst später erfuhr, weil ich so vertieft ins Zeichnen und in meine Kopfhörermusik war, war dass diese Leute gefragt hatten, ob ich sie abzeichnen könnte und wie viel ich dafür verlangen würde… Am letzten Tag überwand sich dann auch noch ein kleiner Junge, mich anzusprechen. Nach kurzer Zeit war er so mutig geworden, dass er mich zu einem Zeichnen-Contest herausforderte: das Topic war Burg mit Türmen und Ritter… Ich verlor, denn bei mir fehlte die lächelnde Sonne mit welligen Strahlen, der Prinz und die Prinzessin, die schwarzen M-Vögel und was weiss ich noch 😀 Wenn man vom Schiff mal absieht, dann waren da die schönen Sonnenuntergänge, der amazonische starke Regen, die Biltzlichter in weiter Ferne und glatt über dem Kopf, einige vereinzelte Häuser auf dem Wasser, die Wasserochse hielten und das schwarze bis braune Wasser weit und breit.

In der Nacht bevor wir in Santarém anlegten, entschieden sich Fabricio und ich, uns zu trennen (also unsere Wege). Er erstand ein „Anschlussticket“ direkt nach Manaus, und so sagten wir uns am Hafen von Santarém goodbye.