Von San Francisco nach Caracas
14 05 2012Am selben Abend als wir vom Roraima runterkamen, nahm mich das französischsprechende Pärchen noch „kurz“ mit nach Santa Elena. Sie mussten tanken, Bargeld abheben und etwas Essbares einkaufen. Ich hatte vor mich an letzterem zu beteiligen. Sie hatten mir am selben Tag offeriert, mit ihnen mitzufahren bis wo auch immer ich es wünsche. Sie wollten auf alle Fälle nach Caracas. Ich war für diese Mitfahrgelegenheit natürlich sehr dankbar: erstens war es sicher spannender als eine weitere Busfahrt, zweitens günstiger und drittens schneller. Tatsächlich traf im Endeffekt nur ersteres zu, aber dieses in höchster Form…
Wir fuhren also nach Santa Elena um herauszufinden, dass dort beide Tankstellen geschlossen waren. Grund: Das Benzin an den Grenzen ist rationiert worden, da es sehr viele Brasilianer gibt, die nur nach Santa Elena fahren, um zu tanken. Genauso an allen anderen Grenzorten und in den grenznahen Orten. Hierzu eine kleine Ausführung: das Benzin in Venezuela ist spottbillig. Für ZWEI Bolivar (25Rappen) kann man hier einen Volltank machen (40Liter)! Okay, das ist nun also die Grundlage des Problems: somit kommen die Leute von ausserhalb um Benzin zu „klauen“, wie es die Venezuelaner nennen (allerdings sieht das in meinen Augen nicht danach aus, denn überall ist bei den Tankstellen Militär positioniert, welches es nicht im Traum krazt, dass Tonnen von Benzin täglich das Land verlassen). Ein weiterer Punkt: ich sage ganz aus dem blauen heraus, dass etwa 50% der venezuelanischen Bevölkerung irgendwie im Zusammenhang mit Benzin arbeitet: Militär an den Tankstellen, Militär als Strassenkontrollen, Tankstellenangestellte, Benzinhändler (diese stehen jeden Tag Stunden an, um Benzin zu tanken, es zu Hause in einem Kanister anzusammeln und es dann, sobald die Tankstellen geschlossen haben, an Notdürftige zu verkaufen – für den 50fachen Preis, kein Scherz!), Erdölförderer und natürlich praktisch die ganze Oberschicht, die das Erdöl besitzt oder mit ih handelt. Um es deutlicher zu machen: wenn der Erdölpreis steigt, kollabiert das ganze System, das ganze Land fällt in sich zusammen. Und wie wir wissen, ist dies nur eine Frage der Zeit. So ist also Venezuela über kurz oder lang dem erdölischen Untergang gewidmet. Was diese Theorie unterstützt ist der Fakt, dass die Venezuelaner mehr oder weniger die gesamte Landwirtschaft aufgegeben haben. Sie haben gutes Land mit viel Humus, aber als das Erdöl entdeckt wurde, konzentrierte sich auf ein Mal die gesamte Arbeitswelt auf Benzin, und so verkümmerten die Äcker… Ein weiteres Detail, das ich hier erwähnen will: es bilden sich täglich Schlangen vor den Tankstellen, wie wir sie uns in Europa schlicht und eifach nicht einmal vorstellen können! Dazu hat der Verkehrsstau einen ordentlichen Platz im Leben der Venezuelaner: für jeden Schritt nimmt man den Wagen (denn es ist ja so gefährlich), wenn ich nur eine Orange einkaufen will, muss mit ein paar Stunden Stau rechnen, auch wenn die Orange gerade um die Ecke wartet. Die Tankstellenschlangen können ebenfalls ganze Staus verursachen. Es ist unbeschreiblich… Im Übrigen rührt der tiefe Benzinpreis daher, dass bisher kein einziger Präsident sich getraut hat, den Benzinpreis zu erhöhen – und wenn es mal einer versucht hat, dann hat das ganze Volk gegen ihn protestiert. Das Volk scheint kurzsichtig zu sehen und zu denken: wenn die Benzinpreise steigen kann sich nur noch die oberoberober Klasse Autos leisten und der Öffentliche Trasport würde ebenfalls untragbar. Die Löhne kann man natürlich nicht einfach mit Fingerschnippsen erhöhen, also sagt Volk: Benzin muss billig bleiben! Das ist natürlich jetzt alles sehr einfach formuliert und bestimmt fehlen mir einige Perspektiven (ich bin ja nur 1 Monat in Venezuela), aber trotzdem, vielleicht kann man sich so ein bisschen besser vorstellen, wie es mi Venezuela aussieht.
So, fertig Detailausführung, zurück zum Geschehen: wir fragten also in ganz Santa Elena herum, wer Benzin verkaufte, bis ich jemanden fand. Es gab noch weitere Komplikationen und es war ein unagenehmes Tanken, aber schlussendlich hatten wir genug Benzin um zurück nach San Francisco zu fahren und weiter bis zur nächsten Tankstelle. So beruhigte sich schliesslich auch das entnervte französischsprechende Paar (Juan, ursprünglich aus Caracas, studierte aber Bauingenieur in Frankreich und arbeitet jetzt in Deutschland – und – Elise (?), aus Frankreich und doktoriert gerade in Paris für französische Literatur), also machten wir unsere Einkäufe: ich kaufte ganze 3 riesen Tüten voll Gemüse und Früchte (die ganze Pasta-Tun-Arepa-Geschichte stand mit bis zur Nase) für 100Bolivar (12.50 CHF), dazu einen Rüeblischäler und ein praktisches Tupperware, Wasser. Zurück in San Francisco machten wir aus, dass wir am nächsten Tag schon um 5Uhr LOSFAHREN würden, was wir auch tatsächlich zustande brachten. Das Gepäck passte war kaum in den kleinen weissen Käfer, aber schon bald rasten wir Richtung Caracas.
Bis kurz vor Stadt Guayana (die aus einer „modernen“ und einer alten, armen Stadt bestand), entschied ich mich, dort nicht auszusteigen und wie gedacht, einen Bus nach Stadt Bolivar zu nehmen, nein, ich nahm das Angebot an, bis nach Caracas mitzureisen. Ich lud sie zum Essen ein (für 22CHF was mit links für eine Busfahrt gereicht hätte), und kaufte auch sonst unterwegs andauernd Verpflegung (wie zum Beispiel Empanadas de Carne molida, in die ich mich sogleich verliebte, dazu eine phänomenale Tartarsauce). Gegen Dämmerung erfuhr ich dann, dass sie bis nach Caracas DURCHFAHREN wollten. Ich hatte gehofft, dass wir irgendwo halten würden um zu schlafen, unsere mitgenommenen Glieder zu erholen und etwas Rechtes zu essen und natürlich auch, damit ich wenigsten ein bisschen was von Venezuelas Mitte sah, aber nichts da. Ich finde allerdings, dass es das allemale Wert war: ich erfuhr viele Dinge über Venezuela, die wohl nur ein kritischer, ausgewanderter, intelligenter Venezuelaner preisgeben konnte und wir hatten alle drei sehr interessante Diskussionen über alles mögliche von Weltliteratur über Reise bis hin zu Weltphilosophien. Zum Beispiel erfuhr ich, wo die Komplikationen mit den Banken lagen, sowohl für Ausländer als auch für das Volk: wie ich es schon über Argentina gehört hatte, wurde auch hier nicht erlaubt, dass Geld aus Venezuela herausgeschickt wurde, noch dass man im Land Bolivars gegen Dollar tauschen kann. Zudem ist das Maximum, das man pro Tag von seinem Konto abheben kann auf zwischen 600-800 Bolivars beschränkt (75-100CHF). Also stellt man sich einmal vor, man wolle reisen, man wolle ein Auto kaufen oder man müsse eine 10köpfige Familie ernähren – schlicht und einfach nicht möglich! Also entweder hortet man das Geld in Cash, was in Venezuela sicher nicht gerade schlau ist, oder aber man muss fanatisch alles Ausgaben planen. Ich weiss nicht, wie es ist, wenn man mehrere Konton bei verschiedenen Banken hat, ob dies eine Lösung wäre, aber ich bin sicher, dass es auch da grössere Hürde gibt, sonst hätten das ja wohl schon alle Venezuelaner herausgefunden. Und das mit dem offiziellen und inoffizielle Kurs ist also daher möglich und damit begründet, dass es so unfassbar schwierig für Venezuelaner ist, an fremde, starke Währungen heranzukommen. Das ist zumindest ein Teil der Erklärung…
Nun denn, es war schon tief schwarz, als ich von einem lauten Knall und gefolgtem ebenso lautem Fluchen geweckt wurde. Ich war zunächst höchst verwirrt, aber wie uns allen bald bewusst wurde, war uns ein Reifen geplatzt. Wie sich gleich darauf herausstellte, waren es in Wirklichkeit ZWEI Reifen, die da geplatzt waren, und das auf der selben Seite. Ich hatte ja schon viele jugendliche, grenzenlose und wilde Fahrstile gesehen, aber der Fahrstil des Caraceños hatte mir tatsächlich etwas Bange bereitet und ich hatte mir schon ausgemalt, wie mir mitten in der Pampa direkt neben der Autobahn ein Camp aufschlagen müssen… Juan wechselte meisterhaft den zerstörteren Pneu, aber schon nach 15minütiger elendlangsamer Weiterfahrt war das Eiern so stark, dass wir anhalten mussten. Juan rief – wieder komplett entnervt – die Versicherung an. Die teilten mit, dass sie für einen Abtransport nach 24.00Uhr und vor 7.00Uhr nicht aufkommen würden. So rief Juan seine Eltern aus dem Bett. Diese sprangen sogleich aus dem Bett und fuhren mit ihrem Wagen auf uns zu: wir waren nur noch etwa 40km von Caracas entfernt, als wir bei einer unheimlichen Lastwagenraststette anhielten, um auf Juans Eltern zu warten. Ich fragte mich, ob ich in den letzten Tagen immerzu die Zukunft vorhergesehen hatte, oder ob ich drauf und dran war, durchzudrehen. Naja, auf jeden Fall dachte mein Gehirn – ganz spirituell – es müsse wohl einen tiefgründigen Grund geben, weshalb die Reifen geplatzt waren. Und so verbrachte ich tatsächlich die gesamte Zeit in einer merkwürdig stillen Euphorie. Und wenn man diesen tiefgründigen Grund umbedingt sehen muss, taucht er natürlich auch auf, gerade im Doppelpack: ich hatte während einem grossen Teil der Fahrt an meine Katze in Ecuador gedacht, hatte mich selbst dafür geschellt, sie einfach dort zurückgelassen zu haben. Ja, ich war damals ein machtloses Kind gewesen, dennoch hätte ich vielleicht mit genug Gequängel meine Mutter davon überzeugen können, sie mit in die Schweiz zu nehmen. Wie dem auch sei, an der Lastwagenraststette wartete eine schwarze abgemagerte Katze auf mich. Und wie es der Zufall so wollte, hatte ich durch Missverständnisse zu viel Schinken gekauft. Also teilte ich mein Essen mit der Katze. Ich überlegte, ob ich vielleicht so interessiert an „Tierhilfe“ war, weil ich irgendwie mein Gewissen beruhigen wollte… So, der zweite „Zweck“ dieser Panne war wohl der, dass die Eltern von Juan mir prompt anboten, bei ihnen zu bleiben – das sei doch wohl klar. Ich hatte vor Sonnenuntergang mit Juans Handy versucht ein nicht zu teures Hotel zu finden – was kläglich misslungen war. Entweder sprengten die Preise mein Budget mit Stolz, oder aber sie waren komplett ausgebucht… So hatte ich nun also eine gratis Bleibe mit „Abholservice“ und netten Leuten. Die Eltern Juans entpuppten sich als Oberklasse von Caracas (wie sie zu diesem Vermögen gekommen sind ist mir nicht klar, sie sind beide gebildete Professoren, aber davon wird man nicht reich, oder doch?) und waren beide sehr sympatisch! Als ich nach dem Frühstück das Geschirr spühlte nannte mich der Vater einen „Model-Gast“… Die Wohnung war in einem sicheren Viertel, etwas ausserhalb des Zentrums und mit viel Geld gekauft und ausgestattet. Dies war also meine erste „Nacht“ (erst um 3Uhr morgens kamen wir dort an) in Caracas 🙂
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