Medellín, Ice und Billiard

13 06 2012

Mitten in der Nacht wurden wir aufgeweckt und mussten den Bus wechseln, um dann die letzten paar Stunden eng aneinander gequätscht weiter zu „schlafen“. Am Terminal von Medellín angekommen lernte ich durch Eigeninitiative zwei Argentinierinnen kennen, die ich später als doch sehr unsympathisch abstempelte. Mit ihnen nahm ich ein Taxi in die City, wobei sie mir zu wenig Geld fürs Taxi in die Hand drückten und ich so naiv war, es nicht zu kontrollieren. Das Hostel öffnete dann für längere Zeit nicht, weil der Nachtportier auf einem Sofa eingenickt war. Aber am Ende durfte ich eintreten und sogar in einer Hängematte schlafen, bis ich das Checkin machen konnte. Als ich auf die Terrasse mit den Hängematten hinaustrat, begrüsste mich in aller Stärke ein Grasgeruch… Das haute mich fast um und ich vermerkte in meinem Kopf, dass der erste Eindruck des Hostels Party und Drogen hiess… Der zweite Vermerk war nicht besser: einer der auch in einer Hängematte geschlafen hatte (allerdings offensichtlich unbeabsichtigt) wachte auf und fing an zu husten was das Zeug hält! Er erbrach sie fast vor lauter Husten und das Beste war, dass als er in sein Zimmer stürmte, ihn dort eine weitere hustende Person begrüsste, die dann sogar aufs Klo rannte, um zu erbrechen! Am Ende machte ich aber doch noch eine gute Hängemattenbekanntschaft: ein Argentinier (wenn ich mich recht erinnere 35), hatte Psychologie studiert, in psychiatrischen Anstalten für Verbrecher gearbeitet, bis es ihm ausgehängt hat und er nach Brasilien auswanderte. Dort hatte er 2 Jahre als Fischer gearbeitet, bis er genug Geld zusammen gehabt hatte, um eine Monatsmiete für ein Hostel zu bezahlen. Der erste Monat brachte ihm so viel Geld ein, dass er das Hostel für weitere 5 Jahre führte. Er wurde einigermassen reich, kaufte sich Land und Haus und Wohnung in Argentinien und überlegte nun, wieder weiter zu reisen und das Hostel dem Eigentümer zu überlassen. Eine spannende Geschichte. Wir hatten intensive Gespräche, auch über Themen wie die heutige Gesellschaft und wie oft Psychologen in den Einsatz kommen… Und natürlich fragte ich auch ihn über die Probleme aus, die bei der Arbeit im Hostel auftauchten.

Nach dem Checkin kochte ich mir zuerst mal eine Suppe, bevor ich dann erschöpft ein paar Stunden vor mich hin döste. Danach lernte ich eine Columbianerin kennen, die ebenfalls eine spannende Geschichte bot, wenn auch ein bisschen naiv: Sie war 19, genau wie ich, und reiste schon seit 2 Jahren in Columbien herum, mit längeren Unterbrüchen, bei denen sie ihre Familie besuchte. Sie suchte überall in Columbien Arbeit und finanzierte so ihre Reise. Und mit Volunteering bekam sie die Unterkunft frei. Ihr Traum war folgender: sie wollte nach Indien und dort eine selbstragende Hilforganisation für arbeitende Frauen mit deren Kindern zu machen. Sie hatte seit einigen wenigen Monaten einen Schwedischen Freund, den sie allerdings kaum sah, und dessen Freunde angeblich ihr Projekt finanziell unterstützen wollte. Sie sprach kein Wort Englisch, hatte keinen Cent für den Flug und schien sich auch sonst noch nie tiefer mit dem Thema Hilfsorganisation beschäftigt zu haben. Aber trotzdem eine sehr liebe und nicht dumme Persönlichkeit. Sie hiess übrigens Leidy. Dazu lernte ich noch zwei Freunde kennen: Ice (ein – wie ich erst viel später begriff – Holländer) und ein Engländer, dessen Namen mir im Moment nicht einfällt. Mit dem Engländer reiste ich dann später auch noch weiter. Auf jeden Fall waren auch diese beiden ein bisschen speziell und hatten Geschichten: Ice (dessen Name ja schon eine Geschichte wert ist), hatte Krankenschwester gelernt, hatte dann aber in einer Irrenanstalt eine Stelle gefunden. Er meinte, dass er seither beim Reisen doch etwas mehr Respekt habe, da diese Leute, die er getroffen hatten, nicht töteten, weil sie böse waren, sondern schlicht und einfach, weil sie unter irgendwelchen Drogen standen. Der Engländer erzählte uns leise, dass sein Vater gerade vor seiner Abreise gestorben war. Und dass er trotzdem losgezogen sei, weil er seinen Alkoholiker-Vater eigentlich kaum kenne. Spannend, spannend…

Der Engländer und Ice unterrichteten mich am Abend noch am Billiardtisch, wobei ich die meiste Zeit eine absolute Witzfigur darstellte, aber Spass hat’s trotzdem gemacht. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, würde ich gerne weiterlernen 🙂 Am nächsten Tag wollten Ice, der Engländer und ich noch einen Wasserpark aufsuchen. Wir waren schon fast dort, als wir herausfanden, dass er jeweils Montags geschlossen war. So kehrten wir nach langem Überlegen und grosser Enttäuschung seitens des Engländers wieder um und verbrachten den Rest des Tages langweilig im Hostel. Ich und der Engländer nahmen in der selben Nacht noch den Bus nach Cartagena. Die Fahrt war komplett überteuert und der Bus kühlte auf ca. 15 eisige Grad herunter. Wir konnten beide kaum schlafen und schlotterten uns den A*** ab.



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